10 Jahre Schönheitstanz: Vom Tabu zum Freizeitsport

Wie eine Jungunternehmerin gegen alle Voruteile ihren Traum vom eigenen Pole Dance Studio in Berlin verwirklichte. Und was sich in den letzten zehn Jahren in der Wahrnehmung getan hat.

Porträt | 13.09.2018

Schönheitstanz InnenhofKaum ist die große schwere Tür in der Charitéstraße 4 im Berliner Regierungsviertel ins Schloss gefallen, verschwindet der Lärm der Großstadt. Im Hinterhof des Mehrfamilienhauses plätschert ein Brunnen, zwitschern Vögel, sprießt das Grün. Genau hier im ersten Stock befindet sich das Schönheitstanz, Berlins erstes Studio für Pole Dance, Burlesque und Exotic, gegründet von Agata Lattka. Dieses Jahr feiert das Studio zehnjähriges Jubiläum.

Begonnen hat alles mit einem Studentenjob. Agata war damals Mitte 20, studierte auf Lehramt und brauchte Geld. Also jobbte sie in Nachtclubs. Was als kleiner Nebenverdienst begann, wurde eine langfristige Sache. Sie sei damals sehr unsportlich gewesen, erzählt sie – und es machte ihr Spaß, ihren Körper durch Pole Dance fit zu halten.

In Deutschland tabuisiert. Doch wie Agata bei einem Kanadaurlaub erfuhr, eine ganz normale Freizeitaktivität in anderen Ländern. In der mittlerweile 30-Jährigen reifte der Plan Pole Dance in Berlin anzubieten. Ein Risiko, wie ihr schon damals bewusst war, denn es gab kaum Studios in Deutschland, keines in der Hauptstadt.

Über ein halbes Jahr befasste sie sich mit Existenzgründung. Mit anderen Tänzerinnen grübelte sie über Konzepten, pädagogisch didaktischem Aufbau und Figurnamen. Durch Freunde lernte sie Burlesque-Tänzerin Lady Lou kennen und war begeistert: „Die Philosophie von Burlesque passte einfach zum Studio: Dass jede Frau sinnlich und sexy sein kann, unabhängig von irgendwelchen gesellschaftlichen Normen.“ So entstand ein Grundgerüst.

Gegen alle Vorurteile

Studioinhaberin Agata Lattka gibt Hilfestellung _ Foto by Steph LenskyDas Konzept: Sinnlicher Tanz für Frauen ab 18 Jahren, die sich im Studio sicher und geborgen fühlen sollen. Die Trainerinnen gehen dabei individuell auf sie ein. In den Anfängen ging es vor allem darum den Sport bekannt und salonfähig zu machen. Kundinnen seien durch Flyer aufmerksam geworden, durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Tage der Offenen Tür, erinnert sich Agata. „Wir haben die Frauen eingeladen und uns sehr viel Zeit dafür genommen das Studio vorzustellen.“

Viele der frühen Kundinnen hätten den Sport bereits aus Auslandsaufenthalten gekannt, aus Australien, Nordamerika oder Großbritannien. Den anderen musste man oft erst die Scheu nehmen. „Zu Anfang haben wir immer sagen müssen, dass es kein Rotlicht ist, keine Striptease-Schule, dass wir Sport machen“, berichtet die erfolgreiche Unternehmerin. „Ich wurde häufig angerufen, ob wir bei den Kursen angezogen sind und ob es tatsächlich keine Zuschauer gibt.“

Doch Arbeit, Zeit und Liebe zahlten sich aus, das Studio florierte. Immer mehr Frauen fanden zum Schönheitstanz. Dass sich die Wahrnehmung von Pole Dance in den letzten zehn Jahren gewandelt hat, erkennt Agata auch an den Nachfragen ihrer Kundinnen: „Das heutzutage sehr leistungssportliche Niveau kann Frauen abschrecken. Da versuche ich zu beruhigen, dass es um den sinnlichen Tanz geht und unsere Kurse so aufgebaut sind, dass jede es schaffen kann.“

Neben Pole Dance und Burlesque umfasst das umfangreiche Kursprogramm heute Lap Dance, Twerking, Stretching, Chair Dance und Federfächer Workshops. Geschlossen ist das Studio nur an wenigen Feiertagen. An ruhigen Brückentagen gäbe es etwa vier Kurse, sonst eher zehn - Einzelstunden und Gruppenkurse. Den längsten Weg, berichtet Agata fasziniert, hätte eine Junggesellinnengruppe aus Indien gehabt, die bei ihrem Berlinbesuch Anfang Mai diesen Jahres bei ihr einen Lap Dance Kurs gebucht hätten.

Reinste Magie

Vergangenes Jahr wurde ein zweiter Raum im Hof gegenüber angemietet. Je nach Anlass und Jahreszeit werden die Räume umgeschmückt. Die Deko-Spezialistin sei ihre Mutter, grinst Agata, diese habe riesige Schränke mit Dekoration für jeden Anlass. Überhaupt sei ihr siebenköpfiges Kernteam aus festen und freien Künstlerinnen wie eine Familie. Auch wenn Agata die Inhaberin ist, das Studio sei ihr aller Baby: „Es macht mir unglaublich Spaß, mit den Ladys zu arbeiten und mich freut, wie viel auch ihnen das Studio bedeutet.“

Manche Schülerinnen kämen nur ab und zu an Wochenenden, andere seien sehr aktiv und jede Woche dabei. Eine davon war Becky*, die 2010 als Schülerin bei Agata anfing. Heute ist sie selbst Lehrerin und deren rechte Hand. Pole Dance ist Beckys* große Liebe: „Ich habe dadurch eine Seite an mir entdeckt, die ich bis dato gar nicht kannte. Dass ich mich anmutig bewegen kann, mich verführerisch und sexy und stark fühle.“ Das sei reinste Magie.

Becky* ist dem Schönheitstanz so verbunden, dass sie sich das Logo tätowieren ließ.Ein Traumjob, viel erfüllender als ihre frühere Vollzeitstelle in einer Bank. Becky* ist dem Schönheitstanz so verbunden, dass sie sich sogar das Logo auf den Arm tätowieren ließ: „Dieses liebevoll geführte Studio mit all den tollen und herzlichen Frauen hat mich bereichert. Eine Zeit die ich nie missen und vergessen möchte und mich für immer geprägt hat.“ Und das Tattoo werde sie ihr Leben lang daran erinnern.

The show will go on

Kathleens Auftritt bei der Schönheitstanz-Liveshow im Mai.Jedes Jahr veranstaltet der Schönheitstanz Liveshows, wo Schülerinnen und Profis ihr Können zeigen. Ende Mai war erstmals auch die 27-jährige Kathlen aufgetreten, die vor eineinhalb Jahren mit Pole Dance angefangen hat. Für die frisch verheiratete, die gerade ihre Doktorarbeit in Mathematik abgegeben hatte, war es Debüt und Abschied zugleich. Denn im August zog sie in die USA. „Für mich war die Show ein persönlicher Überwindungspunkt. Sie zeigt, dass man nicht so aussehen muss wie im Fernsehen, das solche Ideale subjektiv sind.“, erklärt die 1,78 Meter große Frau, die in der Schule wegen ihrer Größe und sportlichen Statur hin und wieder gehänselt wurde.

„Am Pole Dance gefällt mir die Kombination aus Tanz und Akrobatik, die es nur bei wenigen Sportarten gibt. Und das effektive Ganzkörpertraining.“ Ein vielseitiger Sport mit vielen Sub-Stilen und einer tollen Community und man könne schnell ungeahnte Fortschritte erleben: „Am Anfang kann man sich gar nicht vorstellen kopfüber an der Stange zu hängen. Aber auf einmal klappt es und nach zwei weiteren Monaten kann man ewig in der Position bleiben.“Einladungsflyer Schönheitstanz Live-Event im September 2018

Special Guest des Events war Irina Vashchenko, eine der weltweit bekanntesten Contortionistinnen. Und auch die mehrmalige deutsche Meisterin und Weltmeisterin Yvonne Haug, selbst Lehrerin im Schönheitstanz, zeigte ihre akrobatischen Künste. Die nächste Show findet am 28. September im Kreuzberger Lido statt.

Powerfrau Agata und ihr engagiertes Team haben in den vergangenen zehn Jahren viel erreicht. Ausgeruht haben sie sich aber nicht auf dem Erfolg, denn mit steigender Akzeptanz nahm auch die Konkurrenz zu. Neben zwei Shows pro Jahr, soll es daher zukünftig wieder mehr Schnuppermöglichkeiten geben. Allerdings hätten beim letzten Tag der Offenen Tür achtzig Frauen versucht gleichzeitig in den Kursraum zu kommen. Der nächste am 21. Oktober soll daher etwas strukturierter ablaufen. Agata ist stolz darauf, dass sich ihre „kleine Idee“ so gut durchgesetzt hat und blickt gespannt auf viele weitere Jahre Schönheitstanz Berlin.