Fukushima: „Recht auf ein friedliches Leben“

Acht Jahre Havarie des Atomkraftwerks Fukushima und kein Ende in Sicht.

[10.03.19] Am 20. Februar bestätigte das Bezirksgericht Yokohama die Verantwortung der Regierung und der Betreiberfirma TEPCO für die dreifache Kernschmelze im AKW Fukushima und verurteilte sie zu einer Entschädigung von 420 Millionen Yen (3,3 Millionen Euro). Dies berichtete die japanische Tageszeitung Asahi Shimbun. TEPCO hätte, so das Gericht, bessere Sicherheitsvorkehrungen treffen und die Regierung dieses anordnen müssen. Da das nicht geschah, habe die Regierung das Recht der Opfer auf ein friedliches Leben gebrochen.

Anhaltende Probleme und steigende Kosten

Eines (der vielen) Probleme bleibt weiterhin der Umgang mit dem kontaminierten Wasser, das in etwa 1.000 Tanks lagert. TEPCO wollte es weitestgehend reinigen und ins Meer entlassen. Diese Bemühungen seien laut Asahi Shimbun aber vorerst fehlgeschlagen. Der Grund, so TEPCO, das dafür notwendige Material sei nicht oft genug ausgewechselt worden. Dies bedeute zwei weitere Jahre Wasser-Wiederaufbereitung, die allerdings Kräfte binde, die eigentlich für den Rückbau des AKW benötigt würden. Es sei offen wie lange das die anvisierten 40 Jahre Rückbau weiter verzögere. Fischervereinigungen sowie Anwohner sprechen sich für eine dauerhafte Lagerung des kontaminierten Wassers aus. Die Regierung favorisiere aber die Ableitung ins Meer als günstigstere Alternative.

Allerdings berichtete die Japan Times im Februar, dass erstmals seit etwa vier Jahren wieder Fisch gefangen worden sei, dessen Cäsiumgehalt mit 161 Becquerel pro Kilogramm den Grenzwert von 100 deutlich überschreite.

Die Tokioter Think Tank “Japan Center for Economic Research” (JCER) beziffert die Kosten des Rückbaus mittlerweile auf 35 bis 81 Billionen Yen (280 bis 648 Milliarden Euro). Dies übersteigt die Schätzung der Regierung von etwa 22 Billionen Yen bei Weitem. In der aktuellen JCER-Studie wird außerdem empfohlen, die Nutzung der Kernenergie nicht fortzusetzen, solange es keine Einigung über die Endlagerung radioaktiver Abfälle gäbe.

Gestiegenes Schilddrüsenkrebs-Risiko

Über 40.000 Menschen wurden aus der Region evakuiert. Die JCER geht von einem anhaltenden Bevölkerungsrückgang in der Präfektur Fukushima aus. Das spüren auch die Schulen vor Ort. Die Präfektur-Regierung hatte Milliarden (Yen) in Schulen, deren Ausstattung und Fernbusse investiert. Doch trotz der Bemühungen müssen einige wohl bald schließen, da in der Gegend um das AKW einfach zu wenige Kinder lebten.

Die Vereinigung Internationaler Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) berichtet, dass diejenigen, die 2011 in der Präfektur Kinder waren, heute ein mindestens 15-faches Risiko hätten an Schilddrüsenkrebs zu erkranken und bezieht sich dabei auf aktuellste Veröffentlichungen der Fukushima Medical University (FMU). Die IPPNW stellt weiterhin klar, diese signifikanten Ergebnisse ließen sich, aufgrund der eindeutigen Voruntersuchungen aller PatientInnen, auch nicht durch einen sogenannten Screeningeffekt - also die Einführung dieser flächendeckenden Untersuchungen - erklären oder relativieren. Berichte, dass die FMU versuche die Zahl der StudienteilnehmerInnen zu reduzieren, kritisiert IPPNW-Vorsitzender Dr. Alex Rosen scharf: „Es ist zu vermuten, dass diese Bemühungen darauf abzielen, die Teilnahmequote weiter zu reduzieren und durch eine systematische Verzerrung der Testergebnisse langfristig die gesamte Studie zu entwerten.“

Olympischer Wiederaufbau

Die Olympischen Spiele in Japan 2020 sollen, laut den Organisatoren, auch die Erholung der Region Tohoku unterstützen. Mit verschiedenen Aktionen werde versucht: „die Menschen in den betroffenen Regionen Aomori, Iwate, Miyagi, Fukushima und Ibaraki zum Lächeln zu bringen.“ In diesem Zusammenhang stünden sie auch kurz davor ein Fußballgelände nahe des AKW als Startpunkt der Olympischen Fackel auszuwählen, so ein Bricht des Senders NHK.

Gleichzeitig kommt auf internationaler Ebene die IAEA zu dem Schluss, dass „bedeutende Fortschritte erzielt wurden, um Fukushima Daiichi von einer Notsituation in eine stabilisierte Situation zu überführen.“

Protest geht weiter

Demo der Metropolitan Coalition Against Nukes am 10. März 2019 in TokioAuch in diesem Jahr finden und fanden weltweit wieder zahlreiche Aktionen anlässlich des Fukushima-Jahrestages statt. In Tokio rief die Metropolitan Coalition Against Nukes zu einer Demonstration vor dem Haupttor des Parlamentsgebäudes am 10. März auf. Und am 21.03. ist eine Kundgebung von Sayonara Nukes geplant. In Berlin nahmen am 09. März etwa 300 Menschen an der Kazaguruma-Demo teil und in Ahaus demonstrierten 1.400.

 

Am 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stufe 9 die Küste der japanischen Tohoku Region, gefolgt von einem Tsunami. Nach offiziellen Angaben kamen dabei 15.895 Menschen ums Leben, 2.539 gelten weiterhin als vermisst und 3.647 starben später aufgrund von Katastrophen-bezogenen Ursachen. In drei der sechs Reaktoren des AKW Fukushima ereignete sich eine Kernschmelze, über 100.000 Anwohner flohen.