Nachruf auf eine atomkraftkritische Instanz

„Wir haben immer darauf geachtet unabhängig zu bleiben.“

[28.02.19] „Angst“ und „Hysterie“ wurden den BauplatzbesetzerInnen vorgeworfen, die in den 70er Jahren die Abkehr von der Atomkraft forderten. Zwar gelang es ihnen politische und juristische Verfahren durchzusetzen, aber Sachverständige fehlten. Daher schlossen sich kritische WissenschaftlerInnen zusammen um der Anti-AKW-Bewegung sachlich-fundierte Argumentationsgrundlagen zu geben. Eines dieser Zusammenschlüsse war das Gutachterbüro intac in Hannover. Vor 40 Jahren als „Gruppe Ökologie“ (GÖK) gegründet, ermöglichte und prägte es maßgeblich die Auseinandersetzungen um Atomstandorte wie Gorleben, Asse und Schacht Konrad. Im März 2019 geht es in Rente.

Diplom-Physiker Wolfgang Neumann lehnt an einem Überrest der alten hauseigenen BibliothekWolfgang Neumann lehnt an einem Bücherregal, ein Überrest der alten hauseigenen Bibliothek. Der Diplom-Physiker trägt ein blaues Hemd und Jeans, die Hände in den Taschen. Das Haar dunkel, der Bart weiß. Er erinnert sich an die Anfänge: Die „Gruppe Ökologie Institut für ökologische Forschung und Bildung Hannover e.V.“ wurde 1979 als Folge des Gorleben Hearings von Ministerpräsident Albrecht gegründet. Erst Zweigstelle des Freiburger Öko-Instituts, machte sie sich ein Jahr später selbstständig. Zu Atomenergie kamen Themen dazu wie Abfallwirtschaft, Altlasten und Lärmschutz. Mit Bauern aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg wurde der Bereich des Ökologischen Landbaus ausgebaut. „Deshalb gab es dort die ersten Ökobauern, die auch schnell immer mehr wurden.“, berichtet Neumann stolz, der 1988 zur GÖK stieß.

intac Schild am Eingang des BürogebäudesDa die GÖK ein spendenfinanzierter Verein war, wurde zur Abwicklung der Aufträge 1988 eine gleichnamige GmbH gegründet, die 1994 umbenannt wurde in: intac Beratung-Konzepte-Gutachten zu Technik und Umwelt GmbH. „intac war ein reiner Kunstname, der sachlicher wirken sollte“, so Neumann, der immer noch am alten Namen hängt.

Selbstverwaltet und hierarchiefrei

Für den gebürtigen Westberliner mit einer stark hierarchisierten Erstausbildung bei Siemens, sei immer schon wichtig gewesen selbstbestimmt arbeiten zu können. „Als ich die Anzeige der Gruppe Ökologie gesehen habe wusste ich, da kann ich umsetzen, was ich mir politisch immer vorgestellt und gewünscht habe.“ Denn in der selbstverwalteten GÖK in Hand der Belegschaft, gab es nie Hierarchien, dafür immer interdisziplinäres Arbeiten und gleiches Geld für alle. Aber so ein selbstverwalteter Betrieb hätte auch viel zusätzlichen Zeitaufwand bedeutet: „Wir haben uns einmal pro Woche alle zusammen getroffen und ausgetauscht. Und jeder war mal dran mit Koch- und Putzdienst.“

Neumann macht beim Erzählen immer wieder kurze Denkpausen: „In den besten Zeiten waren wir um die 20 - mit Zivildienstleistenden und Praktikanten. Damals haben wir eine ganze Etage belegt. Jetzt sind es nur noch eineinhalb Räume, eine Kammer und ein halber Keller.“ Aber sie seien ja auch nur noch zu zweit. Der zweite im Bunde ist Diplom-Geologe Jürgen Kreusch.

Essentielle Arbeit finanziert mit Ablassspeisen

Rundbrief der Gruppe Ökologie zehn Jahre nach Gründung vom Mai 1989 (erste Seite)Seit den 80er Jahren arbeitete die GÖK für die Kritiker von Schacht KONRAD als Gutachter und Sachbeistände in Verfahren. Als unabhängige wissenschaftliche Berater wurden Neumann und Kreusch zum ASSE-2-Begleitprozess hinzugezogen – vorgeschlagen von Betroffenen und Landrat, bezahlt vom Bundesumweltministerium. Vor Ort wird ihre Expertise geschätzt, aber Jahr für Jahr stand die Finanzierung zur Disposition. Für Verbände und Bürgerinitiativen entwickelten sie, gemeinsam mit weiteren WissenschaftlerInnen, grundsätzliche Positionen zum Umgang mit Atommüll, die nach und nach zum Bezugspunkt der öffentlichen Auseinandersetzung wurden. Sie waren Mitglied im AKEnd, der 2000 bis 2002 im Auftrag des Bundesumweltministeriums Vorschläge zur Neuorientierung der Endlagerung machte und in der Projektgruppe Nationaler Entsorgungsplan im Bundesumweltministerium von 2000 bis 2005, in der unter anderem erstmals eine Aufstellung für alle radioaktiven Abfälle in Deutschland erarbeitet wurde. Ein wichtiger Punkt für Neumann war zudem die Frage der Sicherheit bei der Zwischenlagerung. Und dann natürlich viele kleine und große Arbeiten zu Sicherheitsfragen an laufenden Atomanlagen und bei der Stilllegung.

Asta von Oppen, Sprecherin der Rechtshilfegruppe Gorleben, weiß um die Verdienste der Gruppe Ökologie: „Sie haben dazu beigetragen die Einlagerung der Castoren um Jahre zu verhindern und die Technik wesentlich zu verbessern.“ Dies sei aber nur möglich gewesen, weil die WissenschaftlerInnen für einen Hungerlohn gearbeitet hätten. Gelder, so von Oppen, die die Bürgerinitiativen „mit dem Verkauf von Schmalzbroten, Luftballonaktionen, Kunstversteigerungen und Ablassspeisungen gesammelt haben.“

Rechtsanwalt Nikolaus Piontek hat die Prozesse gegen Castor-Transporte und das Atomlager Gorleben geführt. Die GÖK habe nicht nur Gutachten und Expertisen für bescheidene Honorare gemacht, sondern wären auch als Sachbeistände bei den Verhandlungen vor Gericht aufgetreten. „Ich konnte anrufen oder auch mal nach Hannover kommen. Das war eine große Hilfe und die Juristen hätten ohne die GÖK ihre Arbeit nicht leisten können.“ so der Hamburger Anwalt, der seit Februar 2018 ebenfalls im Ruhestand ist.

Präkeres Geschäftsmodell

Verleihungsurkunde für Verdienste im Umweltschutz von der Deutschen Umweltstiftung am 21. Juni 1985Verleihungsurkunde für Verdienste im Umweltschutz von der Deutschen Umweltstiftung am 21. Juni 1985Nicht nur, dass sie weniger verdient hätten, das Wochenpensum betrug auch deutlich mehr als 40 Stunden. Und dann gingen in den 90er Jahren die Aufträge merklich zurück, berichtet Neumann. Im Bereich Abfallwirtschaft hatten die KritikerInnen durch das Kreislaufwirtschaftsgesetz gewonnen – verloren dafür aber das Standbein. Und durch den Solidaritätszuschlag im Zuge der Wiedervereinigung hatten Kommunen kein Geld mehr für Aufträge.

Vorausschauend bemühte sich das Öko-Institut bereits Mitte der 80er Jahre vermehrt um Aufträge staatlicher Institutionen, da die reine Arbeit für Basisinitiativen und Umweltverbände für ein Institut kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell gewesen wäre, erklärt Geschäftsführer Michael Sailer, der mit Neumann und Kreusch in verschiedenen atompolitischen Bundeskommissionen saß. Mittlerweile arbeiteten dort 170 Personen, was allerdings auch eine Mindesthierarchie erforderlich mache.

Für die Gruppe Ökologie sei das keine Option gewesen, stellt Neumann klar: „Wir haben immer darauf geachtet unabhängig zu bleiben. Wenn Aufträge von Ministerien eine deutliche Mehrheit im Jahresumsatz bildeten, haben wir das im nächsten Jahr wieder zurückgedrängt.“ Vielleicht wären mehr KollegInnen geblieben, hätte man sich stärker auf öffentliche Aufträge konzentriert - und wären heute noch da, überlegt Neumann, winkt dann aber ab. Das sei Spekulation. Was ihn aber doch ärgere seien Mitarbeiter in Ministeriumsabteilungen, die das Aufhören der intac jetzt bedauern würden: „Natürlich gab es damals auch passende Aufträge, auf die wir uns beworben haben, aber die haben sie anderweitig vergeben.“

Unprätentiöse Pioniere

Diplom-Physiker Wolfgang Neumann bei der ArbeitZwar konnte auch die intac immer wieder junge Menschen für ihr prekär-idealistisches Geschäftsmodell begeistern, aber nicht halten. Neumann und Kreusch sind nun im Rentenalter. Und so schließt die intac im März 2019 endgültig.

Die Arbeitsgemeinschaft Schacht KONRAD sieht im Ende des unabhängigen Ingenieurbüros einen großen Verlust. "Die intac hat für die AG wichtige Grundlagen für die fundierte wissenschaftlich-fachliche Auseinandersetzung mit den Atommüllprojekten im Braunschweiger Land geschaffen." erklärt der Vorstand. Man werde sie schmerzlich vermissen: „Wir können nur hoffen, dass auch Wissenschaftler der jungen Generation bereit sind einen ähnlichen Weg wie die intac-Mitarbeiter zu gehen."

Von Oppen hofft, dass die Lücke zumindest teilweise staatlich gefüllt werden könne, denn die Forschung zu Sicherheitsfragen, Lagerung und Entsorgung hat gerade Konjunktur, auch dank der Arbeit kritischer WissenschaftlerInnen. Von 2014 bis 2017 hat das Bundesforschungsministerium im Rahmen der Plattform ENTRIA, an der auch Neumann und Kreusch mitwirkten, die Beteiligung junger WissenschaftlerInnen und nicht-technischer Disziplinen in diesen Bereichen finanziert. Für NeueinsteigerInnen - auch kritische - vielleicht eine Perspektive. Ob das eine Alternative für Initiativen sein kann, bleibt abzuwarten.

Eine Generation lang war die intac Basis und Bezugspunkt intensiver wissenschaftlicher Arbeit. Voraussetzung waren sowohl Unabhängigkeit, als auch persönliche Bereitschaft, Wissen nicht nur zu schaffen, sondern sich darüber auch in gesellschaftlichen Konflikten auseinanderzusetzen. Die fachlichen Ergebnisse werden überdauern. Der Versuch gesellschaftlich verpflichtete, nicht staatlich finanzierte Intensiv-Forschung als hierarchiefreier Betrieb in Selbstverwaltung zu betreiben, einstweilen wohl nicht. Was bleibt sind höhere Sicherheitsstandards an Atomanlagen und bei Transporten, nachwirkende Gutachten und eine kaum erreichbare Messlatte. Die kritischen WissenschaftlerInnen haben Pflöcke für die öffentliche Auseinandersetzung geschlagen - fachlich fundiert, unaufgeregt und unprätentiös.