HoNESt - Europäische Atomforscher in München

[18.04.18] Anfang April trafen sich beim Stakeholder-Workshop des europäischen Forschungsprojekts HoNESt etwa 30 VertreterInnen aus Institutionen und Industrie im Deutschen Museum in München. Die Anti-AKW-Bewegung war mit drei Personen vertreten, der Diskurs daher relativ harmonisch.

HoNESt Stakeholder-Workshop in MünchenFinanziert von der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom), untersucht HoNESt (History of Nuclear Energy and Society) die Geschichte der Atom-Kontroverse in 20 Staaten. Der Workshop sollte, so die Einladung, Mittel- und Ost-Europa behandeln. Nach Kurzreferaten und Diskussion zur Entwicklung in Osteuropa und einem deutsch-britischen Vergleich, fokussierte man sich aufgrund der personellen Zusammensetzung aber auf Deutschland.

Im Sinne des „Backcasting“ galt es in drei Sessions erst die nukleare Entwicklung bis heute in einem Zeitstrahl zusammenzutragen, dann eine favorisierte Zukunft zu skizzieren und abschließend Wege zu überlegen, die helfen die Diskrepanz dazwischen zu überwinden.

Arnulf Nöding hat erst durch die Workshop-Einladung vom HoNESt-Projekt erfahren: „Als Head of political relations bei Framatome ist es natürlich von essentiellem Interesse zu wissen, wie es laut der Wissenschaft zum deutschen Sonderweg in der Nuklearindustrie kam.“ Aus seiner Sicht hätte es die Anlagen-bauende Industrie versäumt ausreichend Kontakt zur Wissenschaft zu suchen und sich Anregungen zu holen, wie man Akzeptanz für bestehende Anlagen hätte verbessern können.

Die Frage, ob die dezidierte Abkehr von der Atomstromnutzung als deutscher Sonderweg bezeichnet werden könne, oder ob es nicht generell international sehr unterschiedliche Umgangsformen mit der Atomkraftfrage gäbe, blieb eine der wenigen Kontroverse.

Karin Wurzbacher von „Mütter gegen Atomkraft“ war für die westdeutsche HoNESt-Forschung interviewt worden. Sie sei vor allem wegen der vielen zu erwartenden VertreterInnen der Atomlobby gekommen: „Es ist immer gut zu wissen was sie denken, denn wir müssen unsere Argumente ja auch auf sie abstimmen und darauf, was wir für falsch halten.“ Leider sei die Konferenzsprache Englisch für viele Interessierte ein Hinderungsgrund gewesen, zumal: „Hier sind nur wenige, die kein Deutsch sprechen. Alle müssen sich irgendwie anstrengen Englisch zu sprechen, das merkt man bei den Vorträgen.“ Ein Dolmetscher sei wünschenswert gewesen.

Workshop-Organisator Jan-Henrik Meyer von der Universität Kopenhagen räumte ein, dass ihnen das Sprachhindernis durchaus bewusst sei, sich die Veranstaltung aber an TeilnehmerInnen in Mittel-und Osteuropa gerichtet habe. Außerdem diene die Diskussion als Datengrundlage für vor allem englischsprachige sozialwissenschaftliche ForscherInnen. Und eine Übersetzung wäre zudem kostspielig und zeitaufwendig gewesen.

Arbeitsgruppe beim HoNESt Stakeholder-WorkshopAus Meyers Sicht war die Veranstaltung ein großer Erfolg. Die Atmosphäre sei viel weniger kontrovers gewesen als bei Workshops in London oder Barcelona. Dies würden seine KollegInnen darauf zurückführen, „dass der langwierige Konflikt um die Atomkraft, der ja mit großer Härte geführt wurde und auch gegenseitig zu Verletzungen geführt hat, in Deutschland politisch gelöst ist.“ Zwar gäbe es immer noch abweichende Interessen der Atomindustrie und gesellschaftlicher Interessensgruppen, es sei aber klar, „dass dies in Deutschland politisch fast unmöglich durchzusetzen sein würde. Für andere Länder, v.a. in Osteuropa, gilt das nicht.“

Dennoch: Wären mehr ExponentInnen der Anti-Atom-Bewegung anwesend gewesen, wäre die Veranstaltung wohl nicht so harmonisch verlaufen. Denn auch wenn der Atomausstieg beschlossen ist, wurden dabei weder die Konflikte der Vergangenheit ausgetragen, noch die sich aus den offenen Problemen ergebenden Konflikte ernsthaft besprochen.

Im Nachklang wurde zudem kritisiert, dass entgegen der Veranstaltungsankündigung Osteuropa kaum eine Rolle gespielt habe. Und für einige der wenigen nicht-deutschen Teilnehmer, war die Fokussierung auf Deutschland, auch wenn sie Informationen aus ihren eigenen Ländern beitragen konnten, eher unattraktiv.

Der Zeitstrahl, beschränkt auf die Sicht der anwesenden Stakeholder, reihte sich im aktuellen Geschichtsdiskurs ein in eine Vielzahl ähnlicher Veranstaltungsformen und der Versuch Wege aus der Diskrepanz zwischen heute und einer favorisierten Zukunft zu finden, war natürlich nicht erfüllbar. Die Vorschläge blieben die Üblichen wie: Ein gemeinsames Wording, einen umfassenden gesellschaftlichen Beteiligungsprozess …

Als ergänzende Datenbasis für die HoNESt-Forschung mögen die Ergebnisse vielleicht interessant sein, für den deutschen Diskurs waren sie wenig erhellend.

Das dreijährige Forschungsprojekt läuft noch bis 2019. Neben weiteren Stakeholder-Workshops in Europa und Online-Webinaren im Laufe des Jahres, sollen am Ende des Projekts kurze Länderberichte stehen, deren vorläufige Versionen bereits online abrufbar sind. Hinzu kommen Podcasts und ein Buch mit allen Ergebnissen. Außerdem gibt es Überlegungen ein Archiv der Forschung aus zwanzig Ländern einzurichten, das allerdings unter Copyright-Vorbehalt steht. Beim finalen Event in Brüssel ist geplant die Forschungsergebnisse zur Diskussion zu stellen.