"Boitel werden von, mit und für Boiteltiere gemacht"

Eine Jungunternehmerin und ihr Traum vom Stofftaschen-Imperium

Porträt | 20.05.17

Vicky sitzt an einem der beiden ausladenden Nähtische in ihrem Wohnzimmer. Mit der Präzision einer erfahrenen Näherin lässt sie den Vicky sitzt an einem der beiden ausladenden Nähtische in ihrer Wohnung. Das Arbeitszimmer ist auch ihr Wohn- und Schlafzimmer.bordeauxfarbenen Stoff unter der Nadel hindurchgleiten. Immer wieder überprüft sie die Nähte. Victoria Seidel - die lieber Vicky genannt wird - ist Bekleidungstechnikerin. Dass Jungunternehmer auf dem Markt eigentlich keine Chance haben, wurde ihr in den sechs Jahren ihres Studiums tagein tagaus eingetrichtert. Das größte Problem dabei, sei die Marktverzerrung durch Bekleidungs-Ketten, erklärt die 29-jährige: „Die Discounter haben glaubhaft dem Kunden beigebracht, dass ein T-Shirt mit allen abgedeckten Kosten nur zwei Euro kostet. Die Branche hat sich selber mit ihrem Preiskampf die Glaubwürdigkeit beim Kunden kaputt gemacht. Mit zwei Euro ist das T-Shirt ja nicht gedeckt. Das geht über Masse und Werbeeffekt.“

Ihr eigenes Label hat sie trotzdem gegründet. Der Markenname: Boitel. Das Konzept: Individualisierte Taschen jeder Art. Die Grenzen: Technische Möglichkeiten und der gute Geschmack. Was ihren Boitel von herkömmlichen Beuteln unterscheidet? Bequeme Träger, individuelle Anfertigung und lokale Beschaffungswege. Die Materialien findet sie bei Händlern, auf Märkten, oder verarbeitet im Sinne des Upcyclings auch mal alte Kleidungsstücke. Der Boitel ist ein Berliner Produkt. Kinderarbeit ausgeschlossen.

Das teuerste Boitel-Modell ist ein Einzelstück aus hochwertigem, weichem Leder für 240 Euro. Vickys 23 Quadratmeter großes Atelier befindet sich in einem Mehrfamilienhaus im Berliner Stadtteil Wedding. Es ist gleichzeitig ihr Wohnzimmer, Schlafzimmer - und das Hauptquartier ihres Unternehmens. In der einen Ecke steht ein ausladendes Hochbett. Am Pfosten hängen Schablonen, mit denen sie das Label „Boitel“ auf ihre Produkte sprüht. Darunter das Lager: Ein großer Koffer mit Stoffen, einer mit fertigen Produkten. Neben dem Bett steht ein Regal mit Arbeitsutensilien. An einem Ständer hängt Leder aus. An der Wand darüber hat sie ein schlichtes Kleid befestigt mit der Aufschrift ‚Ich liebe mein Leben‘. Das Wort ‚Leben‘ hat Vicky durchgestrichen und mit roter Farbe ‚Boitel‘ darunter geschrieben.

An der Decke über ihrem Hochbett kleben Postkarten. „Früher habe ich dort oben alles Mögliche befestigt, damit ich es schnell wiederfinde“, erklärt Vicky. „Nachdem ich beinahe von einer herunterfallenden Schere erstochen wurde, hab ich das aber gelassen.“ Sie lacht bei der Erinnerung. Vicky lacht generell viel. Auch gern über sich selbst. Die Beine überschlagen, die Hände auf den Knien gefaltet, der Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. Die lange, braungelockte Mähne hat sie sich auf dem Kopf zusammengebunden. Dadurch wirkt die schmale, 1,63 Meter lange Frau größer. Ihre Stimme hat eine dunkle Färbung.

Sie habe schon mit vier Jahren Dinge zusammengetackert. Das Hobby wird zum Berufswunsch. Der Wunsch in die Tat umgesetzt. 2006 zieht die Ingolstädterin nach Berlin und studiert Modedesign an der internationalen anerkannten, aber auch teuren Privatschule ESMOD. Als das Geld knapp wird, wechselt sie 2009 auf die Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) und macht ihren Master in Bekleidungstechnik. Sie ist die beste ihres Abschlussjahrgangs. „Allerdings machen nur 20 Leute regulär diesen Master“, stellt Vicky klar. „Und davon haben außer mir in dem Jahr vielleicht sieben ihren Abschuss gemacht.“ Dann sei die Konkurrenz auch nicht besonders groß. Vicky möchte sich nicht mit Banalitäten rühmen.

Vicky hat ihren erster Boitel 2014 anlässlich einer Party genäht. Damals wusste sie noch nicht, dass sie einmal das Label Boitel gründen würde.Die Boitel-Idee kommt ihr eher zufällig, erinnert sie sich. Ihr Studium neigt sich dem Ende. Ihr ist klar, dass es in ihrer Branche kaum Jobs gibt – erst recht nicht im umkämpften Berlin. Sie geht davon aus nach Ingolstadt zurückzukehren, da im Süden die Lage wenigstens ein bisschen besser sei. Vicky igelt sich ein, verlässt das Haus nur noch selten. Eine Freundin drängt sie zu einer Party mitzukommen. Vicky hat keine Lust, gibt aber nach. Das einzige Problem: Ihr fehlt die passende Tasche. Kurzerhand schneidert sie sich einen Stoffbeutel. Sie weiß es da noch nicht, aber es wird ihr erster Boitel sein. Er ist nicht nur praktisch, sondern wird auch zum Party-Hit. Anstatt oberflächlichem Smalltalk redet Vicky die meiste Zeit des Abends über ihren Beutel. „Und dann dachte ich, soll jeder seinen schönen Boitel haben!“ Liebevoll blickt sie zu dem braunen ‚Ur-Boitel‘, der auf dem Leder-Ständer hängt.

Das war im September 2014. Ein Jahr später gründet sie ihr Unternehmen. Vicky weiß, das ist naiv. Jährlich eröffnen etwa 300 Labels in Berlin, von denen 290 im ersten Jahr wieder schließen. Aber sie macht es trotzdem. Ein Schritt, den ihre langjährige Freundin Alexandra Legl bewundert: „Ich bin ihr Fan, weil sie Leuten wie mir zeigt, dass man sich nicht kleinkriegen lassen soll. Nicht zu sagen, das ist etwas Kreatives ohne Erfolgsaussichten, ich mache lieber etwas Normales. Sondern wirklich dahinter zu bleiben.“ Und auch das Geschäftsmodell überzeuge: „Sie hat dieses tolle Konzept, in dem sie ihre Boitel personifiziert. Dieses ganze Konzept bringt sowas Jugendliches und Frisches rein. Deswegen finde ich es genial.“Vicky kniet auf ihrem Boden und schneidet Stoff zu

Ihre Kunden nennt Vicky liebevoll Boiteliere. In kindlich-ernstem Ton erklärt sie: „Boiteltiere gibt es natürlich ganz viele. In erster Linie bin ich das Oberboiteltier. Aber jeder, der einen Boitel hat und sich gern als Boiteltier zu erkennen geben möchte, ist auch Boiteltier. Ich sage immer, Boitel werden von, mit und für Boiteltiere gemacht.“

Vicky hat sich bewusst – entgegen dem StartUp Trend – entschieden nicht mit Fremdkapital zu arbeiten. Wegen der großen Konkurrenz sei es ohnehin schwierig Geld für solche Projekte zu bekommen. Stattdessen beantragt sie eine einjährige staatliche Unterstützung - und bekommt sie. Das deckt aktuell etwa die Hälfte ihres Lebensunterhalts. Den Rest muss sie durch ihre Arbeit verdienen. „Das ist eigentlich unmöglich, weil ich jeden verdienten Cent wieder zurückzahlen muss. Außerdem ist mein Unternehmen ja logischerweise auf gewisse Materialeinkäufe und ähnliches angewiesen. Das ist irgendwo zwischen schwierig und unmöglich.“Vickys mit ihrem bislang größten Boitel

Aber damit soll bald Schluss sein. Denn langsam aber stetig steige die Boiteltier-Population. Und Vicky hat auch schon Pläne, wie es weitergehen soll: „Punkt eins: Ich möchte einen getrennten Lebens- und Arbeitsbereich. Im Idealfall vielleicht mit einer kleinen Verkaufsfläche. Und sonst lautet das Ziel natürlich: Weltweit die Boitel-Dichte weiter zu erhöhen. Was sonst?! Das Boitel-Imperium muss wachsen!“

Link zur Boitel Webseite