Imkern in der Stadt

Reportage | Berlin, 12.11.16

Zu Besuch bei einem städtischen Bienenvolk

Der Deutsche Imkerbund bezeichnet Bienen, nach Rind und Schwein, als drittwichtigstes Nutztier Deutschlands. Rund 85 Prozent der landwirtschaftlichen Erträge im Pflanzen- und Obstbau würden von ihrer Bestäubungsleistung abhängen. Während in den USA die Bienenpopulation jährlich sinkt und in China auf insektenbefreiten Landstrichen Menschen händisch die Pflanzenbestäubung übernehmen müssen, gibt hierzulande der Imkerbund Entwarnung: In Deutschland gibt es kein signifikantes Sterben ganzer Bienenvölker. Die jährlichen Überwinterungsverluste von 10 Prozent würden im Laufe des Jahres wieder ausgeglichen. Anders sähe es allerdings bei Wildbienen aus, von denen die Hälfte aller Arten vom Aussterben bedroht sei.

Umweltpolitische Aufmerksamkeit für das landwirtschaftliche Nutztier schafft mittlerweile auch der Bundestag mit einem eigenen Bienenstock - und liegt damit voll im Trend. Während Bienenvölker im Landidyll unter Monokultur und Pestiziden leiden, finden sie in der Stadt ausreichend Nahrung. Gleichzeitig wächst die Imkerkultur in den Städten. In Berlin findet man in kleinen Läden und Supermarktketten zunehmend "Berliner Honig".

Bietet die Stadt also langfristig Perspektive für Bienen, trotz abgasreicher Luft und Hochhauswäldern? Wie schwierig ist städtisches Imkern? Um das herauszufinden treffe ich Torsten Jandt. Der 46jährige Berufsschullehrer ist einer von etwa 115.000 deutschen Imkern. Wie 99 Prozent seiner Kollegen ist Imkern sein Hobby, nicht sein Beruf.

Bienenkästen von Hobbyimker Torsten Jandt auf der Friedrichshainer Halbinsel StralauEin sonniger Samstagvormittag an der Dorfkirche der Friedrichshainer Halbinsel Stralau. Es ist ruhig, die Vögel zwitschern. Torsten Jandt trägt eine weiße Latzhose und ein orangenes T-Shirt. Das lange graue Haar hat er zum Zopf gebunden. Er habe schon mal angefangen, sagt er, und führt mich zu einem Abstellschuppen. Dahinter, an der Uferböschung zur Spree, stehen drei Bienenkästen. Dass es Bienenkästen sind, erkenne ich als Laie nur am Ein- und Ausflugloch, durch das emsig Bienen schwirren. Sie prüfen genau, wer da rein will, erklärt Torsten - er hat mir sofort das Du angeboten. Bienen, die zum Stock gehören, dürften passieren, Fremde würden weggezogen.Einflugloch eines Bienenstocks an der Dorfkirche Stralau in Berlin Friedrichshain

Seit drei Jahren ist Torsten Imker. Er habe sich schon lange vorher mit Bienen beschäftigt. Dann hätte er erfahren, dass der Imkerverein Tempelhof ‚Imkern auf Probe‘ anbiete. „Da begleitet man einen erfahrenen Imker eine Saison. Man kriegt ein Volk zur Betreuung. Allerdings ist eher schwierig einen Imker-Paten zu finden. Ich habe lange warten müssen.“ Aber irgendwann hat es geklappt, Torsten wurde Probe-Imker und hat danach weitergemacht. Mittlerweile hat er vier Völker. Drei hier auf Stralau, eines auf dem Gelände des Gesundheitsamts am Volkspark Friedrichshain. Nach einigen Bemühungen haben die Kirchverwaltung und der Bezirk ihm gestattet diese Stellplätze kostenfrei zu nutzen.Torsten hebelt die obere Zarge des Bienenstocks ab

Torsten hat mir einen Schutzhut mit Stoffgitter mitgebracht und Fenistil, falls ich gestochen werde. Passiert. Ihm auch. Es ist Spätsommer. Die Honigernte ist vorbei. Jetzt müssen die Bienen mit Zucker für den Winter aufgepäppelt werden. Mit dem sogenannten Smoker simuliert Torsten einen Waldbrand. „Dann denken die Bienen, die Hütte brennt und pumpen sich ihren Honigmagen mit Vorräten voll, weil sie ausziehen müssen, um woanders neu anzufangen. Und wenn man den Bauch voll hat, ist man nicht besonders kampfeslustig.“ Er nimmt das Metalldach und die darunterliegende Schutzplatte ab. Eine Holzkiste dient als künstlicher Bienenstock, im Fachjargon Beute genannte. Zwei Kisteneinheiten, die sogenannten Zargen, dienen als Honigraum und Brutraum. Ganz unten ist der Boden mit Flugloch. Für die Räume gibt es spezielle herausnehmbare Holzrahmen, in denen die Bienen ihre Waben bauen. Mit dem sogenannten Stockmeißel hebelt Torsten den obersten Holzkasten auf. Hier hängen wenige Holzrahmen, dafür ein Plastikeimer mit Zuckerwasser, sowie ein Zuckerbatzen. Torsten ist zufrieden. „Dieses Volk hat knapp zwölf Kilo Zucker eingelagert. Gute 15 brauchen sie. Also sind sie fast winterfertig.“Imker Torsten Jandt hält einen Holzrahmen mit Bienen bei seinen Bienenkästen an der Dorfkirche Stralau in Berlin Friedrichshain

Außerdem behandelt Torsten gegen die Varroamilbe. Die knabbert die Bienenlarve noch in der Wabe an. Es kommen verstümmelte Bienen zur Welt, das Volk wird schwach und stirbt. Dafür ist in einem Rahmen im unteren Brutraum ein Verdunster angebracht. Den befüllt er mit Ameisensäure. Das beeinträchtige leider auch die Bienen. Seine hätten das aber zum Glück bislang gut überstanden.

Es gäbe gerade sehr viele engagierte Neu-Imker, die verschiedene alternative Arten zu imkern ausprobierten, erklärt Torsten. „Aber bestimmte Dinge muss man einfach tun. Man muss gegen die Varroamilbe behandeln. Das muss man nicht mit der Chemiekeule machen. Ameisensäure kommt im Bienenstock vor. Die Bienen haben höhere Toleranz als die Milben. Aber das riecht trotzdem nicht gut und ist Stress.“Ein Holzrahmen auf dem sich Bienen tummeln, aus dem Bienenstock von Imker Torsten Jandt

Torsten arbeitet in aller Ruhe am Stock. „Es ist unhöflich, wenn man hektisch ist und keine Zeit hat.“ Er sei deswegen mal ins Gesicht gestochen worden. Wir stressen das Volk mit Rauch, nehmen ihr Haus auseinander und malträtieren sie mit unangenehm-riechender Ameisensäure. Nach etwa einer halben Stunde beginnen sie vermehrt auf uns zuzufliegen, aber immer noch nicht bedrohlich. „Man merkt das daran, wie man angeflogen wird. Die sind wuschig, aber nicht doll.“ Torsten redet beschwichtigend auf sie ein. „Ja, wir sind gleich fertig. Das ist die letzte Wabe, Mädels.“ Man merkt ihm an, wie sehr ihm seine Bienen am Herzen liegen. Er versucht einige vom Kastenrand zu scheuchen, um den oberen wieder aufzusetzen. Es knackt. Man zerquetsche leider mal Bienen, sagt Torsten bedauernd. Er befüllt den Eimer mit Zuckerwasser. Dann kommt der Deckel wieder drauf. Zum Schluss notiert er alles in einem Büchlein.

Er habe in diesem sehr guten Jahr von jedem Wirtschaftsvolk bis zu 50 Kilogramm Honig geerntet, 100 große Gläser. Einige Gläser des original Friedrichshainer Honigs verkauft er im Geschenkeladen „Einfach ein Fach“. Ein Hobby, das sich selber trage. Es sei aber nicht für jeden geeignet. „Man sollte nicht imkern, wenn man eigentlich keine Zeit hat, aber findet, es ist ein nice-to-have auf der Dachterrasse. Man muss einen langen Atem haben und mit Misserfolgen klar kommen.“Stralauer Frühsommerblüte - der fertige Honig

Die hohe Popularität des städtischen Imkerns zeigt sich auch an den Mitgliederzahlen des Imkerverbands Berlin. 2008 zählte er 485 Mitglieder, 2016 sind es 1216. 1066 davon sind aktive Imker. Insbesondere junge Menschen zeigten großes Interesse. Der Imkerverband fördert das Imkern, weist aber auch darauf hin, dass es wegen der sehr hohen Bienendichte andere Nachteile gäbe, wie die schnelle Verbreitung von Krankheiten. Und ein Ausgleich zur ländlichen Pestizidbelastung ist städtisches Imkern nicht, beantwortet Torsten meine eingangs gestellte Frage. „Da verstehe ich auch die Rapsbauern nicht“, meint er kopfschüttelnd, „Die kaufen Saatgut von Monsanto und gehen dann mit Roundup drüber. Beim Raps ist es ein Unterschied von 70 Prozent, ob nur der Wind bestäubt oder Bienen bestäuben. Bei Äpfeln ist es ein Unterschied von 80 Prozent. Das ist mir völlig schleierhaft, dass da keiner mal nachrechnet.“

Nach getaner Arbeit - Imker Torsten Jandt genießt das Summen seiner BienenDer Hobbyimker hat sich mittlerweile auf eine Bank in der Nähe seiner Bienenstöcke niedergelassen. Das genießt er besonders, nach getaner Arbeit hier zu sitzen, auf die Spree zu blicken und seinen Mädels beim emsigen Summen zuzuhören.

 

Zusatzinformationen

  • Original Friedrichshainer Honig gibt es im Geschenkeladen „Einfach ein Fach“ in der Niederbarnimstraße 21, 10247 Berlin
  • Informationen zum Angebot „Imker auf Probe“ beim Imkerverein Tempelhof
  • Filmempfehlung: Dokumentation „More than Honey“ von Markus Imhoof
  • Veranstaltungstipp: Bei der Internationalen Grünen Woche vom 20.01. - 29.01.2017 in Berlin werden der Deutsche Imkerbund, der Imkerverein Berlin und verschiedene private Imker vertreten sein