(An)Probe aufs Exempel

Glosse | Berlin, 31.08.16

Kaffee mit Freunden. Das "hochbrisante" Thema heute: Textil-Discounter Primark. Alex nennt es ein furchtbares Konsum-Geschäftsmodell. Tim entgegnet, viele teure Marken würden auch in Billiglohn-Ländern produzieren. Maria gesteht schon mal, bei Primark eingekauft zu haben. Basti sagt, er sei noch nie dort gewesen und verstehe den Reiz nicht. H&M sei doch auch günstig. Primark ist noch günstiger, meint Alex. Ich verweise auf die große Auswahl - aber alles nur Schrott. Meins ist das nicht! Basti überlegt, eigentlich müsste man sich Primark mal ansehen.

Gesagt getan. Nachmittags stehen wir zwei vor der Filiale des „irischen Modelabels“ am Berliner Alexanderplatz. Wir hätten auch morgens hingehen können. Wenn weniger los ist und man entspannt durchschlendern kann. Aber wo bliebe da der Spaß?! Bereits am EingangTextil-Discounter Primark am Berliner Alexanderplatz schlägt uns penetranter Plastikgeruch entgegen. Ich erkläre, mir habe jemand erzählt, die Angestellten kippten teilweise in den Lagern um, weil es dort so stark nach Chemie stinken würde. Basti sagt, das hätte ich schon beim Kaffeekränzchen erzählt. Wir quetschen uns durch Kleidergänge, vorbei an Menschen zwischen Genervtheit und Ektase. Frauen und Männer, Jungs und Mädels, alles ist vertreten. Sie tragen große Primark Stofftaschen, in die auch ja viel reinpasst. Nicht, dass die KundInnen am Zusammensuchen potentieller Käufe gehindert werden. Sind sie Jäger oder Sammler? Hat man dann alles mühsam zusammengesucht, steht man vor der Wahl, sich in die ewiglange Schlange vor der Umkleide einzureihen oder die Einkäufe ungetestet mitzunehmen. Jacken und Pullover kann man vorm Spiegel anprobieren. Der Rest? Ach egal! Mitnehmen ohne Anprobe. Kost‘ ja nix! Und so verlassen viele glückliche KundInnen mit braunen Primark-Papiertüten den Laden. Und wenn etwas doch nicht passt? Umtauschen. Oder wegwerfen. Kost‘ ja nix!Nach der Shopping-Tour: Kundinnen mit braunen Primark-Papiertüten am Berliner Alexanderplatz

Und? Frage ich, als wir das Geschäft verlassen und einen tiefen Zug frische Alexanderplatz-Luft einatmen. Erschreckend! Stellt Basti fest. Nicht wahr?! Ich fühle mich bestätigt und necke noch ein bisschen, wird nicht dein neuer Shopping-Tempel? Niemals, sagt er entschieden und fügt mit einem Kopfnicken zur brauen Papiertüte in meiner Hand hinzu: Aber ein nettes Top hast du dir gekauft. Ich grinse verlegen, muss ich Zuhause gleich mal anprobieren!