"Wir sind wie ein Think Tank für Anti-Atom-Organisationen."

Das “Citizens' Nuclear Information Center” (CNIC) ist ein Netzwerk von Wissenschaftlern, Aktivisten und Bürgern mit Sitz in Tokyo. Es sammelt und publiziert Informationen, um das öffentliche Bewusstsein für die Gefahren der Atomenergie zu schärfen und zur Schaffung einer atomwaffenfreie Welt beizutragen. Hajime Matsukubo (35 Jahre) ist Sprecher des CNIC und hat 2012 seinen Job im Finanzsektor gekündigt, um sich auf den Kampf gegen Atomkraftwerke zu konzentrieren. Ich traf ihn am Montag, den 10. März 2014 in Tokio.

 

Hajime Matsukubo_CNIC


Frage: Mit welchem Ziel wurde das CNIC gegründet?

Informationen über Atomenergie sind für Bürgerinnen und Bürger oft schwer verständlich.  Deshalb sehen wir uns in der Pflicht die Gefahren der Atomtechnik in einfacher Weise darzustellen. Das ist unser Ziel. Wir sammeln Informationen, analysieren sie und machen die Ergebnisse den Bürger zugänglich.

Frage: Als das CNIC gegründet wurde war die Anti-Atom-Bewegung noch sehr jung?

Das war ein frühes Stadium in der japanischen Atomgeschichte. Wir hatten mehrere Kernkraftwerke in Japan, aber nicht so viele. Zu dieser Zeit gab es mehrere Anti-Atom-Organisationen, aber es gab kein Informationszentrum. Wir wollten so etwas schaffen. Einige Ärzte, Wissenschaftler und Aktivisten haben daher beschlossen 1975 das “Citizens' Nuclear Information Center”  zu gründen. Gründungsvater war Dr. Takagi Jinzaburo.

Frage: Hatten Sie anfangs Probleme?

Zu Beginn waren wir sehr klein. Aber nach dem Unfall von Three Mile Island mussten die Verantwortlichen uns Aufmerksamkeit schenken. Wir waren auch Drohungen ausgesetzt, wir bekamen  anonyme Anrufe, oder uns wurden Fotos von Mitgliedern oder deren Häusern zugeschickt. In Briefen schrieben sie uns merkwürdige Sachen. In manchen wurden wir  beschuldigt unsere Meinung von anti-Atom zu pro-Atom geändert zu haben. Ziel war die Bewegung schwächen. Aber wir haben weiter gemacht. Vor Fukushima war die Bewegung relativ schwach, weil die Menschen dem Thema Atomkraft nur wenig Aufmerksamkeit schenkten. Aber nach dem Zwischenfall von Fukushima wurden den Menschen die Gefahren bewusst und sie schlossen sich der Bewegung an. Laut Umfragen sind 60 Prozent der Bevölkerung gegen Atomenergie. Vor Fukushima waren das nur etwa 30 bis 40 Prozent.

Frage: Gibt es auch einen Wandel innerhalb der Bewegung?

Vor dem Unfall waren die Mitglieder der Bewegung ältere Menschen. Es gab fast keine Neulinge. Seit dem Fukushima Zwischenfall kommen junge Menschen in die Bewegung; so wie ich. Ich habe in einem Finanzunternehmen gearbeitet. Die Fukushima-Katastrophe hat mich geschockt. Ich konnte nach dem Unfall nicht so weiterarbeiten, als wäre nichts passiert. Daher habe ich 2012 gekündigt. Ich musste meinen Job beenden.

Frage: Das CNIC fühlt sich als Teil der Anti-Atom-Bewegung in Japan?

Wir sind der Anti-Atom -Bewegung sehr verbunden. Zum Beispiel will Japans Anti-Atom -Bewegung derzeit 10 Millionen Unterschriften gegen Atomenergie sammeln. Wir sind einer der Organisatoren dieser Unterschriften. Wir haben bereits 8 Millionen Unterschriften gesammelt, und wollen noch 2 Millionen weitere.

Frage: Was sind Ihre Ziele?

Wir sind Teil der Anti-Atom- Bewegung. Das Ziel ist natürlich "keine Atomkraft in Japan“.

Frage: In welcher Form arbeiten Sie mit anderen Organisationen zusammen?

Die Struktur ist sehr schwierig. Viele Anti-Atom-Organisationen wurden nach dem Fukushima Unfall gegründet. Zum Beispiel sammeln wir diese 10 Millionen Unterschriften in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen. Wir unterstützen auch mehrere Klagen, die u.a. von lokalen Bürgern organisiert werden, indem wir ihnen Wissen zur Verfügung stellen. Wir sind wie ein Think Tank für Anti-Atom-Organisationen.

Frage: Arbeiten Sie mit internationalen Organisationen zusammen?

Derzeit will die Atomindustrie Kernkraftwerke in andere Länder Asiens, nach Großbritannien oder in die Türkei exportieren. Es ist schwierig für uns sie zu stoppen. Also ist es notwendig, dass wir mit anderen Ländern zusammenarbeiten. Wir suchen Kooperationen mit Bürgerbewegungen zum Beispiel in Großbritannien und in den anderen Ländern, in die man exportieren möchte; oder auch mit Deutschland.

Frage: Wer arbeitet beim CNIC?

Etwa acht Menschen arbeiten hier. Einige von ihnen sind Spezialisten für Nuklearphysik, einige für radioaktive Kontaminationsmessung und manche stehen in Verbindung mit strahlenverseuchten Arbeitern, die in Fukushima tätig sind.

Frage: Wie kommen Sie an die Informationen?

Manchmal sind wir vor Ort, oder wir sprechen mit Wissenschaftlern oder analysieren Informationen von Tepco oder der Regierung. Tepco will Informationen verbergen. Es gibt einige merkwürdige Informationen in den uns vorliegenden Dokumenten, die wir analysieren müssen. Das ist sehr wichtig, da die Informationen nur sehr schwer zu verstehen sind; seien es finanzielle oder technische.

Frage: Seit September 2013 ist Japan atomstromfrei. Könnte das unter Berücksichtigung finanzieller, sozialer und politischer Aspekte so bleiben?

Es ist möglich diesen Zustand beizubehalten. Aber die zentrale Rolle liegt bei der LDP-Regierung und die ist für eine Reaktivierung der Atomkraftwerke. Die Atombehörden sagen, dass die Sicherheitsprüfungen diesen Sommer beendet sein werden. Ich denke im Sommer werden sie wieder Kernkraftwerke starten.

Frage: Derzeit ist kein Atomkraftwerk am Netz. Wie ist es möglich, dass die Straßen von Tokio dennoch nachts so hell sind?

Wir haben mehrere unterstützende Kraftwerke. Als die Kernkraftwerke gestoppt wurden, hat man sie aktiviert und die produzieren jetzt zusätzliche Energie; Kohle oder Gas. Wir versuchen auch, unsere Energieeffizienz zu erhöhen, so können wir es schaffen.

Frage: Im Juli 2012 gab es heftige Proteste, als die Regierung ankündigte das Kernkraftwerk Ohi zu reaktivieren. Was denken Sie wird passieren, wenn die Regierung die Wiederinbetriebnahme eines weiteren AKWs bekannt gibt?

Nun, 60 Prozent der Japaner sind gegen eine Wiederinbetriebnahme. An diesem Punkt ist die Bewegung ein wenig abgeschwächt, weil es keinen konkreten Auseinandersetzungspunkt gibt. Die Menschen wollen dem Parlament und dem Premierminister sagen: „Steigt aus der Atomenergie aus“, aber es fehlt ein Reibungspunkt. Aber er wird kommen und die Bewegung wird wieder erstarken.

Frage: Sie denken, dass es zu Wiederinbetriebnahmen von Atomkraftwerke kommen wird?

Lokale Regierungen haben einer Wiederinbetriebnahme bereits zugestimmt. Sie werden es tun, weil sie für Atomkraft sind. Es gibt keine Restriktionen für den Neustart.

Frage: Lokale Regierungen müssen einem Neustart zustimmen?

Sie müssen einer Inbetriebnahme zustimmen. Derzeit werden die Anlagen überprüft. Die lokale Regierung hat einen Vertrag mit örtlichen Einrichtungen über den Neustart. Ich weiß nicht, ob die Zustimmungspflicht festgeschrieben ist, aber das ist die Praxis. Im Moment ist die Situation sehr undurchsichtig.

Frage: Es gibt immer noch das Problem der Kontamination. Wie können Sie messen, ob Lebensmittel verstrahlt sind?

Wir können das nicht messen, weil wir keine Strahlenmessungssysteme haben. Man kann Lebensmittel zu einer der Bürger-Strahlen-Messungsstellen bringen. Viele Bürger haben nach Fukushima eine Strahlen-Messungsstelle aufgebaut. Wir selbst können nur prüfen, wo die Nahrungsmittel produziert werden. Auch die Regierung gibt Messungsergebnisse bekannt. Sie nehmen Produkte aus Supermärkten, oder messen bereits während des Produktionsprozesses. Sie verkünden die Ergebnisse auf ihrer Website und wir können es prüfen. Die Präfektur Fukushima überprüft alle Reisprodukte. Sie sagen der Reis aus Fukushima sei nicht verunreinigt. Wir haben in Japan die Regelung, dass Lebensmittel ab einer Strahlung von 100 Becquerel nicht mehr sicher sind.

Frage: 100 Becquerel ist aber recht hoch?

Ja, das ist wirklich hoch.