Heldinnen sind überall

Pénélope Bagieu präsentierte ihre Graphic Novel UNERSCHROCKEN in Berlin

Pénélope Bagieu präsentiert ihre Graphic Novel UNERSCHROCKEN in BerlinBericht | 13.10.17

Kennen Sie die Leuchtturmretterin Giorgina Reid? Oder Agnodike, eine der ersten Gynäkologinnen? Nein? Dann vielleicht die französische Comic-Künstlerin Pénélope Bagieu? Letztere wollte damit aufräumen, dass es so wenige Berichte über Heldinnen in der Geschichte gäbe. 15 außergewöhnliche Frauen hat sie deswegen in ihrer Graphic Novel UNERSCHROCKEN skizziert. „Portraits von Frauen, die machen was sie wollen“, beschreibt Bagieu ihr Werk, das sie am Mittwochabend in der Bibliothek am Luisenbad in Berlin vorgestellt hat. Etwa 60 Teilnehmende waren gekommen, acht davon Männer.

Auf jeweils fünf bis neun Seiten gibt sie einen Einblick in das Leben der Frauen, wobei es ihr dabei explizit nicht um Vollständigkeit gehe, erklärt Bagieu. Im Gegenteil: „Die Idee war schlicht, dass man sich am Ende dieser sehr kurzen Geschichten fragt: Wie kommt es, dass ich noch nie von ihr gehört habe?!“ Die Leser*innen sollen danach mehr über die Frauen herausfinden wollen.

Denen sei es meist bloß darum gegangen ihre eigene Lebenssituation zu verbessern, hätten dadurch aber ihre Welt verändert, so Bagieu. „Und die Welt ist voll von ihnen. Man muss sie nicht suchen, sie sind überall.“ Auf einer Reise habe sie im Leuchtturm von Rocky Point, Long Island einen Raum entdeckt, der Giorgina Reid gewidmet sei. Die habe den Turm vor dem Meer gerettet, indem sie den Strand entsprechend einer japanischen Technik mit Schilfrohr befestigt habe. 15 Jahre, jeden Sonntag, bei jeder Witterung, teils mit Hilfe, teils allein. Der Leuchtturm wurde unter Denkmalschutz gestellt und zur Touristenattraktion. Die kleine Textildesignerin erhielt eine Danksagung des Präsidenten.  Aber Berichte gäbe es darüber kaum. „Sie ist meine absolut liebste alte Dame und ich fand ich es war an der Zeit, sie zu einer Heldin zu machen“, Bagieu lächelt.

Es wird deutlich, wie sehr sie die Frauen und ihre Geschichten ins Herz geschlossen hat. Und „Frau“ ist für Bagieu nicht bloß eine biologische Festlegung. In der Graphic Novel porträtiert sie auch Christine Jorgensen, die im Körper eines Mannes geboren war und sich Anfang der 1950er Jahre umoperieren ließ. Ruhe und Diskretion wären Jorgensen wohl lieber gewesen, schreibt Bagieu, aber weil alle sie sehen und hören wollten, nutzte sie die öffentliche Aufmerksamkeit um Leidensgenossinnen zu ermutigen.

In Frankreich sind bereits zwei Bände erschienen, die im Original „Culottées“ heißen, was vom französischen „Schlüpfer“ oder „Höschen“ kommt und so viel bedeutet wie: gewagt, frech  oder unverschämt. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse erscheint nun die deutsche Übersetzung des ersten Bandes im Reprodukt Verlag. Die 35-jährige Pariserin ist eine von zehn Comic-Künstler*innen, die von Frankreich offiziell zur Buchmesse eingeladen wurden, um das Land zu repräsentieren.

Begonnen hat das Projekt „Culottées“ mit einer wöchentlichen Reihe für den Internetauftritt der Pariser Zeitung Le Monde. Weil Bagieu sich, wie bei Zeitungen üblich, auf vier Farben beschränken musste, endet jede Geschichte im Buch dafür mit einer doppelseitigen, bunten und kräftigen Schlüsselszene aus dem Leben der Protagonistinnen. So wollte sie deren Charakter und sich selbst noch einmal zum Ausdruck bringen.

Die Geschichten selbst basieren auf Fakten. Falsche oder ungenaue Informationen verwende sie nicht, erklärt die Künstlerin, weil das die Geschichten zerstöre. „Ich stelle sicher, dass ich Fakten habe, auch wenn es manchmal nur ein einzelnes Buch ist.“ Die einzige, deren Existenz nicht gesichert sei, ist die Gynäkologin Agnodike, räumt Bagieu ein, „aber die Geschichte ist cool“. Agnodike soll etwa 350 vor Beginn unserer Zeitrechnung in Athen gelebt und sich trotz Berufsverbots zur Ärztin ausbilden lassen haben. Genauer gesagt zur Gynäkologin, weil viele Schwangere sich keinem Arzt hätten anvertrauen wollen und daher bei der Geburt oft litten, oder sogar starben. Als die Athener sie deswegen hinrichten lassen wollten, erwirkten wütende Patientinnen – gleichzeitig deren Ehefrauen – ihren  Freispruch und somit die Aufhebung des Berufsverbots.

Durch die Porträts wolle Bagieu den Leser*innen zeigen, dass es schon immer Heldinnen gab. Frauen wolle sie ermuntern ihren Weg zu gehen. Und so lautet ihre Botschaft: „Wenn Du etwas willst, stoppe dich nie selbst, nur weil eine ‚Dame‘ so etwas nicht tun würde.“