„Comics sind der längste rote Faden in meinem Leben.“

Reportage | 01.08.17

Ein Mann Anfang 40 und ein Teenager stehen vor einem hohen Regal, das vollgestopft ist mit Comics. Beide sind in Comichefte vertieft. Der Ältere, wahrscheinlich der Vater, stupst den Jüngeren an und deutet grinsend mit dem Zeigefinger auf eine der abgebildeten, knallbunten Szenen. Der jüngere lacht kurz auf. Dann blättern beide, jeder für sich, weiter durch die Comics in ihren Händen. Die zwei stehen im Verkaufsraum eines etwa 50 Quadratmeter großen Ladens. An den Wänden sind deckenhohe Regale. Wo man hinsieht, nur Comics: U.S.-amerikanische, französische, das japanische Äquivalent Manga, die etwas anspruchsvolleren Graphic Novels und viele mehr.

der Roman- und Comicladen Berlin FriedrichshainDas ist der „Roman- und Comicladen“ im Berliner Bezirk Friedrichshain. An diesem Samstagvormittag drängen sich etwa zwanzig Menschen im Alter von acht bis 60 Jahren im Laden. Es ist kaum ein Durchkommen. In der Raummitte stehen zwei hüfthohe, quadratische Regale - natürlich auch voller Comics. Vier Personen stehen um das vordere Regal herum und durchstöbern das bunte Angebot. Ein Mann mit schütterem grauem Haar um die 50 durchstöbert einen Comic-Karton, zwei Hefte bereits unter den Arm geklemmt. Neben ihm eine schlanke Frau Mitte 20. Auf ihrem schwarzen T-Shirt prangt in gelber Schrift „Star Wars“. Gegenüber sind zwei Teenager in Comics vertieft. Der eine blättert in „Spiderman“, die andere in „The Flash“.

Letztere ist die 19-Jährige Nicky. Sie erzählt, dass sie vor etwa zehn Jahren angefangen habe Comics zu lesen. Zuerst Manga, später auch U.S.-amerikanische. Ihr sei der visuelle Aspekt sehr wichtig: „Ich mag eigentlich alles, was mit Bildern zu tun hat“, erklärt sie. „Ich schaue mir gerne die Zeichnungen an. Und ich mag die Form des Storytellings: Nicht nur Bild oder Text, sondern die Mischung.“ Außerdem gefalle ihr die Fankultur, auch Fandom genannt, die sich im Netz oder auf Veranstaltungen wiederfände. Früher habe sie im Internet Geschichten über ihre Lieblingscharaktere veröffentlicht. Diese sogenannte Fanfiction gibt es zu Comics, Filmen, Serien, Videospielen, aber auch realen Menschen. „Ich schreibe schon lange keine Fanfiction mehr, aber so bin ich in das Internetleben und die Fandoms reingekommen“, berichtet sie. „Mittlerweile sind es eher das Malen und Rollenspiele. Aber alles auf Englisch und alles international. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt und Freunde in der ganzen Welt gefunden, mit denen ich überwiegend über Skype in Kontakt bin.“ Für Vicky sei dieses verbindende Element von Comics sehr wichtig: „Es bringt Menschen zusammen. Die Leute haben etwas Gemeinsames, in das sie Emotionen und Zeit investieren. Das gilt wohl eigentlich für jedes Medium.“

Stapelweise kostenlose Comics am Gratis Comic Tag 2016 im Roman- und Comicladen Berlin FriedrichshainAn der Ladentheke, hinten links im Raum, steht Rainer Gräbert. Er hat den Comicladen Anfang 1991 eröffnet. Für einen Kunden, einen kräftigen Mann Anfang dreißig, sieht er gerade etwas im Computer nach. Dabei reckt er leicht den Kopf und ähnelt so noch mehr einem grauhaarigen Bibliothekar. Ein schmaler, langhaariger Teenager versucht sich an dem wartenden Kunden vorbei zu quetschen. Er will ins Hinterzimmer. Auch hier sind die Wände mit Comics gespickt. Auf zwei großen Tischen liegen 30 Comic-Stapel aus, von denen sich jeder Ladenbesucher vier mitnehmen darf. Denn es ist „Gratis Comic Tag“. Verlage produzieren zu diesem Anlass Sonderhefte, die Comic-Händler in Deutschland, der Schweiz und Österreich zum Druckkostenpreis erwerben und gratis in ihren Läden verteilen können. Jeden zweiten Samstag im Mai, seit acht Jahren. Etwa 320 Comic-Händler und Buchhandlungen machen dieses Jahr mit.

„Wir wollten einen Werbetag für das Medium Comic machen“, erklärt Filip Kolek, der für die Pressearbeit des Gratis Comic Tags zuständig ist. „Das ist eine der größten verlagsübergreifenden Kooperationen der deutschsprachigen Buchbranche. Eine Aktion, die den stationären Verkauf und den Buchhandel stärken soll.“ Und tatsächlich: Für Gräbert und viele seiner Kollegen ist der Gratis Comic Tag der umsatzstärkste Tag nach dem Weihnachtsgeschäft. So voll ist es in Gräberts Laden nur an den Adventsamstagen, an denen er regelmäßig zu Kaffee, Plätzen und Loseziehen einlädt.Gratis Comic Tag 2017 im Roman- und Comicladen Berlin Friedrichshain

Im „Roman- und Comicladen“ wird gestöbert, gesichtet und beraten. Welche Neuerscheinungen gibt es? Ist der neue „Flash“ schon erschienen? Welchen Comic nehme ich noch mit? Eine schwierige Entscheidung, denn Gräbert führt mittlerweile etwa 40.000 Artikel, davon 25.000 Comics. Auch Ladenbesucher Thomas ist noch unschlüssig. Der 38-Jährige ist mit seiner achtjährigen Tochter gekommen. Dass Gratis Comic Tag ist, habe er gar nicht gewusst. Er lese auch nicht so oft Comics: „In Deutschland fehlt uns der Zugang dazu. Wir haben den Anschluss zu Frankreich, Amerika und Japan verpasst. Wenn ich meinen Eltern sage, ich lese Comics, denken die, das ist Schund – oder Kinderliteratur.“

Tatsächlich hätten Comics lange das Stigma „Kinderkram“ gehabt, bestätigt Steffen Volkmer, Pressesprecher des Panini Verlags. Die Altersspanne der Kernklientel liege heutzutage aber zwischen zwölf und 36 Jahren und die erste Generation deutscher Comicfans sei im Seniorenalter angelangt. „In den letzten Jahren beginnt man Comic als Kulturgut zu sehen. Einige Comicleser sind mittlerweile im Kulturteil von Zeitungen und reden und schreiben qualifiziert darüber.“ Auch die Geschlechterverteilung habe sich geändert: „Früher waren die Leser meist männlich, heute ist es fast fifty-fifty.“ Grund seien, laut Volkmer, unter anderem die aufwendig-produzierten Comicverfilmungen aus den USA, die seit einigen Jahren regelmäßig in die deutschen Kinos kommen. Sie richteten sich an ein breiteres Publikum und würden dadurch auch weibliche Fans dazu bewegen, sich mehr mit einzelnen Charakteren auseinandersetzen. Der Panini Verlag, der hierzulande vor allem durch Foto-Sammelalben bekannt ist, bringt jährlich etwa 650 Titel in Deutschland heraus. Dazu gehören die Superhelden-Comics der großen U.S.-amerikanischen Verlage DC und Marvel. Letzterer gehört mittlerweile zu Disney und produziert auch die Star Wars Comics. „Superhelden sind derzeit ganz klar am beliebtesten, dicht gefolgt vom Klassiker Star Wars“, so Volkmer. „Die erfolgreichsten sind die mit einer weitreichenden qualitativen Unterfütterung.“

Heutzutage erreichen Comics eine breitere, generationsübergreifende Menschengruppe. Alte und neue Fans bilden eine kaufkraftstarke Klientel, die sich ihr Hobby etwas kosten lässt. Comic-Händler Gräbert hat mehrere Kunden, die monatlich etwa 200,- Euro in die bunten Hefte investieren. Einer davon ist der 41-jährige Fachinformatiker Sebastian. Er ist heute mit seinem Sohn im Comicshop, wie immer an solchen Aktionstagen. „Ich habe meinen Sohn von klein auf indoktriniert, was Comics angeht, das gebe ich ganz offen zu“, grinst Sebastian. Die Wohnzimmerregale des passionierten Sammlers seien voller Hardcover-Comics. Unter anderem habe er ein Abo der aktuellen D.C.-Comicreihe. Die aneinandergereihten Buchrücken zeigten Superhelden wie Batman, Superman und Wonder Woman. Das Bild auf seinem Regal sei mittlerweile 1,70 Meter lang - und wachse stetig. Die meisten seiner Comic-Hefte sind in siebzehn Pappkartons einsortiert, schließlich sollen sie nicht zu viel Licht abbekommen und vergilben. Der gebürtige Brandenburger hat als Kind die DDR-Comics Mosaik und Atze gelesen. „Das war so schön bunt und man konnte sehr schnell an weit entfernte Orte reisen“, erinnert er sich. Wenn Pakete von West-Verwandten kamen, gab es auch mal West-Comics wie Asterix und Lucky Luke. Mickey Maus und Donald Duck wurden vom Zoll meist konfisziert. „Als die Grenze geöffnet wurde, sind wir direkt mit meinen Eltern rüber nach West-Berlin und haben uns unsere 100,- Mark Begrüßungsgeld geholt. Das erste, was ich mir gekauft habe, waren Comics.“

Sebastians Heiligtum: der DDR Comic Mosaik Ausgabe 1Sein Heiligtum ist die erste Ausgabe eines DDR Mosaik Comics. „Mit 16 Jahren, das war 1992, habe ich mein Sparkonto geplündert.“ Er hatte seine Eltern überzeugen können, dass der Comic für ihn wichtiger war als ein Mofa-Führerschein. „Ich bin dann als kleiner 16-jähriger mit 1.500,- Mark los in das große böse Berlin und hab mir das Heft gekauft.“ Natürlich bei Gräbert, der auf Mosaik-Hefte spezialisiert ist und regelmäßig zum Handeln zu Mosaik-Börsen fährt. „Jetzt muss ich mal kurz überlegen“, meinte Gräbert kürzlich zu Sebastian, als dieser ihn daran erinnerte. „Nicht, dass dein Exemplar jetzt besser ist als meines. Aber das kann nicht sein.“

Eine guterhaltene Erstausgabe des Mosaik Comics wird aktuell mit etwa 3.000,- Euro gehandelt. Den höchsten Preis erzielte bislang der „Action Comics No. 1“, in dem Superman erstmals auftrat. Das Heft stammt aus dem Jahr 1938 und war damals für zehn Cent erhältlich. 2014 war ein sehr gut erhaltenes Exemplar für 3,2 Millionen Dollar versteigert worden. Wegen dieser Wertsteigerungen werden Comics heute auch als Wertanlage gesehen. Das funktioniere aber natürlich nur, wenn man einen entsprechenden Käufer fände, bemerkt Sebastian. Er selbst würde aber nie verkaufen, weder sein Mosaik Heft, noch andere Comics. Er mag den druckfrischen Geruch, er mag es, die Hefte zu sammeln und geordnet wegzusortieren. Und er mag die Geschichten und die Entwicklung der Zeichnungen. Sebastian kann sich an keine Zeit erinnern, in der es nicht so war: „Comics sind der längste rote Faden in meinem Leben.“