ENTRIA Abschlusskonferenz – Fortsetzung folgt

[09.10.17] Vom 26. bis 28. September wurden im Steigenberger Hotel in Braunschweig die Ergebnisse aus fünf Jahren interdisziplinärer Forschung des Projekts ENTRIA vorgestellt. ENTRIA steht für: „Entsorgungsoptionen für radioaktive Reststoffe: Interdisziplinäre Analysen und Entwicklung von Bewertungsgrundlagen Problemstellung“. Universitäten und Forschungseinrichtungen hatten, mit Fördermitteln des Forschungsministeriums in Höhe von 15 Millionen Euro, verschiedene Lagerungsoptionen für hochradioaktiven Abfall erforscht, sowie ethische, rechtliche und partizipatorische Aspekte der Endlagerfrage. Laut Projektbeschreibung handelte es sich dabei nicht um Auftragsforschung, sondern um unabhängige Wissenschaft.

In meist 20-minütigen Vorträgen berichteten WissenschaftlerInnen über ihre Forschungsprojekte. Mit Hinblick auf internationale Forschung, Wettbewerbsfähigkeit und Positionierung, fand die Veranstaltung auf Englisch statt, mit geladenen Gästen aus Europa und den USA.

Prof. Dr. Clemens Walther von der Leibniz Universität Hannover berichtete von anfänglichen Kommunikationsschwierigkeiten der interdisziplinären Zusammenarbeit in der ENTRIA Forschungsgruppe.Betont wurde immer wieder die Interdisziplinarität der ENTRIA Forschung, also der Informationsaustausch zwischen den Fachrichtungen. Prof. Dr. Clemens Walther von der Leibniz Universität Hannover berichtete von anfänglichen Schwierigkeiten der interdisziplinären Zusammenarbeit: Die Wissenschaftler hätten sich wegen des Fachvokabulars teilweise nicht verstanden, oder Worte verwendet, die in den jeweiligen Disziplinen unterschiedliche Konzepte beschreiben würden. Sie hätten erst lernen müssen sich gegenseitig zu verstehen. Wahrscheinlich haben sich die Disziplinen weniger in ihrer Forschung beeinflusst, jedoch den Blick für andere geweitet. Interessant ist, dass es für den Austausch der Disziplinen anscheinend erst die Endlagersuche brauchte.

Diplom-Ingenieur Manuel Reichardt vom Institut für Massivbau der TU Braunschweig forschte zu Zwischenlagerkonzepten in anderen Staaten und den Voraussetzungen für eine Langzeitzwischenlagerung. Er zeigte Technologien und deren Eigenschaften, abhängig von der bautechnischen und stofflichen Zusammensetzung der Lagerbehälter und der umgebenden Lagerstätte. Dr. Guido Bracke von der Gesellschaft für Anlagen-  und Reaktorsicherheit hatte die Möglichkeit untersucht radioaktive Abfallbehälter in Bohrlöchern end zu lagern und erklärte, die Option sei wahrscheinlich schneller, günstiger und an vielen verschiedenen Orten umsetzbar. Vorteilhaft sei u.a. das multiple Barrierensystem Diese Lagervariante setze aber weitere Untersuchung und Entwicklung voraus und würde Rückholbarkeit ausschließen.

Prof. Allison Macfarlane von der George Washington University in Washington, D.C. sprach über ihre Erfahrungen als Vorsitzende der U.S.-amerikanischen Nuclear Regulatory Commission bei der Suche nach Atommülllagern in den USA.Neben den Berichten der ENTRIA Forschungsgruppe, gab es auch Gastvorträge. Prof. Allison Macfarlane von der George Washington University in Washington, D.C. sprach über ihre Erfahrungen als Vorsitzende der U.S.-amerikanischen Nuclear Regulatory Commission (NRC) bei der Suche nach Atommülllagern in den USA. Dr. Peter Schmidt von der Wismut GmbH berichtete, wie man es geschafft hätte sich in den ehemaligen Uranabbaugebieten in Sachsen und Thüringen der Bevölkerung anzunähern und Brücken zu bauen. Prof. Kristin Shrader-Frechette von der Notre Dame Universität in den USA erklärte, nur ein Atommülllager in einer Mitteschicht-Gegend gewährleiste bestmögliche Sicherheit.Und Prof. Kristin Shrader-Frechette von der Notre Dame Universität in South Bend (Indiana/USA) erklärte in einem kontrovers diskutierten Vortrag über interessensgeleitete Wissenschaften, dass Atommülllager meist in Gegenden errichtet würden mit einer ärmlichen und schlecht informierten Bevölkerung. Ihrer Meinung nach sei die bestmögliche Sicherheit eines Endlagers nur dann gewährleistet, wenn man es in einer Gegend baue, wo gebildete Menschen lebten, die mindestens der Mittelschicht angehörten. Denn die würden kritisch hinterfragen und auch gehört werden. Außerdem plädierte sie für überirdische Lager, weil man nur dann den nachfolgenden Generationen volle Handhabung lasse.

Auffällig war, dass von den politischen und wissenschaftlichen Akteuren in und um die Endlagerkommission, die zwei Jahre an den besten Kriterien für die Endlagersuche gearbeitet hatten, kaum jemand an der Veranstaltung teilnahm. Die wenigen, hatten meist selbst Redebeiträge. Eine davon war die Vorsitzende der neu gegründeten Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), Ursula Heinen-Esser. Sie betonte die Relevanz solcher Forschung: ”Was wir brauchen sind Leute, die mit uns arbeiten: Wissenschaftler und Experten, unabhängige Untersuchungen und viele junge Menschen, die in unterschiedlichen Feldern arbeiten.“ Es folgte die 45-minütige Vorstellung des BGE durch eine Mitarbeiterin, was, vielleicht auch aufgrund des holprigen Englisch, eher unmotiviert wirkte.

Prof. Dr. Miranda Schreurs, Mitglied von ENTRIA, sowie des Nationalen Begleitgremiums, welches eine vermittelnde und politisch unabhängige Position bei der Suche nach einem bestmöglichen Standort haben soll, erklärte: “Die Öffentlichkeit denkt nicht darüber nach, wie man mit dem Müll umgehen soll. Wir müssen überlegen, wie wir ihn zu einem Thema machen, gegen das Menschen nicht nur protestieren, sondern über das sie nachdenken. Wir brauchen einen Dialog mit der Öffentlichkeit.“ Ein solcher Dialog sollte am 30. September im Rahmen der deutschsprachigen Veranstaltung „Radioaktiver Abfall – was nun? Befragen Sie ENTRIA!“ im Haus der Wissenschaft in Braunschweig stattfinden. Die Veranstaltung litt jedoch unter einer geringen Zahl externer Anmeldungen.

Der Niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel erklärte kurz nach der Konferenz, ein "Letter of Intent" zur Verlängerung des Projekts in einer Kooperation von Bund und Land sei unterschriftsreif. Die Fortführung der ENTRIA Forschung wird von wissenschaftlicher, politischer und teils auch aktivistischer Seite begrüßt. Denn nur so kann unabhängiges wissenschaftliches Know-How gewährleistet bleiben und das Fachwissen für Bau und Lagerung genutzt werden, wenn es irgendwann mal benötigt wird. Denn eines ist klar, der Prozess wird noch Jahrzehnte andauern.