Sommerakademie des Fachportals Atommüllreport.de

[08.09.17] Vom 02. bis 06. August diskutierten 21 StudentInnen und junge WissenschaftlerInnen in der Bundesakademie in Wolfenbüttel mit Experten über technische, medizinische und geologische Aspekte der Atommülllagerung. Bericht, Personen, Ansichten:

Halbwertszeit sagt nichts über die Gefährlichkeit

Medizinischer Vortrag von Dr. Alex Rosen zu Radioaktivität und deren Wirkung bei der Sommerakademie der atomkritischen Plattform Atommüllreport.deDr. Alex Rosen ist Kinderarzt, Oberarzt der Charité und Vorsitzender der IPPNW Deutschland, der Ärztevereinigung für die Verhütung des Atomkrieges. In einem anschaulichen Vortrag erklärte er, was es mit Radioaktivität, Strahlung und Halbwertszeiten auf sich hat. Radioaktivität bedeute, dass ein instabiles Produkt wie Uran kontinuierlich Atome abgebe um dadurch einen stabilen Zustand zu erreichen. Im Fall von Uran wäre das Blei. Auf dem Weg dorthin durchlaufe das Produkt viele Zwischenschritten.

Halbwertszeit gäbe in diesem Zusammenhang an, wie lange es dauere bis die Radioaktivität eines Radionuklids durch den Zerfall auf die Hälfte gesunken sei. Die Halbwertszeit beziehe sich also nicht auf die Gefährlichkeit. Im Gegenteil: Die Stoffe die im Laufe der Abbauzeit entstehen, sind teils gefährlicher als das Ursprungsprodukt. Dementsprechend lasse eine „gute“ (also ihren Zweck erfüllende) Atomwaffe möglichst viel Uran explodieren.

Messungen zeigten, dass sich in unseren Böden pro Kilogramm 20 Bq Caesium137 befänden. Das sei menschengemacht und resultiere aus der Atomindustrie und den überirdischen Atomwaffentests der 50er und 60er Jahre. Caesium137 habe eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Aufgrund des Abkommens gegen Atomwaffentests, müsste sich daher die Konzentration nun alle 30 Jahre halbieren.

Johanna Banken (26) studiert Energie- und Umwelttechnik an der Universität Ruhr-West. In ihrem Studium befasse man sich mit Erneuerbaren Energien. Auf das Thema Atomkraft blicke man aber nicht zurück. Die Sommerakademie, sagt sie, habe ihr gut gefallen: „Ich fand es sehr beeindruckend mit was für einer Emotionalität und persönlichem Interesse Leute hierhin gekommen sind. Ich fand auch die Intensität des Ganzen sehr bewundernswert. Ich hatte vorher so gut wie keine Vorkenntnisse. Man hat die ganzen Tage dieses Thema eingeatmet. Ich finde das super.“

Atommüll-Bestand und Zwischenlagerung

Diplom-Physiker Wolfgang Neumann vom Gutachterbüro INTAC GmbH in Hannover berichtete über den Bestand des deutschen Atommülls, sowie die Probleme der Zwischenlagerung. Der deutsche Atommüll komme von der Nutzung der Atomenergie, Forschung, Medizin, Industrie, Abbau und Verarbeitung von Erzen, welche natürliche Radionuklide enthielten. Die Abfallprognose für die Bundesrepublik Deutschland für hochradioaktiven Müll betrage 28.145 m3. Bisheriges Verbleibkonzept in der Bundesrepublik Deutschland ist die Endlagerung in tiefen geologischen Formationen, da das Land oberirdisch einfach zu dicht besiedelt sei.

Diplom-Physiker Wolfgang Neumann berichtet bei der Sommerakademie der atomkritischen Plattform Atommüllreport.de über den Bestand des Atommülls in Deutschland und den Zwischenlagerungsproblemen. Die Genehmigungen für die Zentrallager Gorleben und Ahaus enden 2034, für die Zwischenlager an Atomkraftwerken 2046. Mit der Einlagerung im geplanten Endlager kann aber frühestens 2050 begonnen werden und die Einlagerungsdauer wird auf etwa 40 Jahre geschätzt. Die daraus resultierende Lücke von mehr als 16 Jahren, bedeute eine notwendige Verlängerung der Zwischenlagerung. Die dafür notwendigen Behälter müssten aber lediglich einen Sicherheitsnachweis für 40 Jahre haben, welcher auf überwiegend theoretischen, punktuellen Untersuchungen basiere und keine Experimente zur Strukturentwicklung beinhalte. Aufgrund der zu erwartenden Verlängerung der Zwischenlagerung müsste ein validierter Sicherheitsnachweis für mindestens weitere 40 Jahre erbracht werden.

„Eine  Zwischenlagerung deutlich über 40  Jahre hinaus erfordert - unabhängig vom Standort - neue Genehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung, einschließlich der Vorsorge nach dann gegebenem Stand von Wissenschaft und Technik“, so Neumann

Entweder müsste man die bestehenden Zwischenlager nachrüsten, oder neue bauen. All das sei mit sicherheitspolitischen Fragen verbunden und berge neuen politischen Sprengstoff. Denn die aktuellen Standorte wollen den Müll nicht bei sich haben, aber die Wahrscheinlichkeit Regionen zu finden die ihn temporär freiwillig nehmen, scheint auch gering.

Diplom-Ingenieur Manuel Reichardt vom Institut für Massivbau der TU Braunschweig beschäftigte sich im Rahmen der Forschungsplattform ENTRIA mit Zwischenlagerkonzepten in anderen Staaten und den Voraussetzungen für eine Langzeitzwischenlagerung. Er zeigte grundlegende Zwischenlagertechnologie und deren Eigenschaften, abhängig von der Zusammensetzung.

Sergiu Novac (32) ist als Gastwissenschaftler an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Seine Promotion macht er an der Central University in Bulgarien: „Ich habe vorheriges Jahr einen Track, also vier Panels, in einer großen Konferenz in Barcelona veranstaltet. Da habe ich viele Leute der ENTRIA kennengelernt, durch die ich auf einmal auch engeren Kontakt mit der ganzen Diskussion in Deutschland hatte.“ Auch die Sommerakademie habe ihn weiter gebracht: „Es war sehr interessant. Insbesondere, weil ich auf der sozialwissenschaftlichen Seite bin. Manchmal ist es irritierend, weil es sehr technisch ist. Aber es ist auch sehr interessant, weil ich diese Sachen nicht so gut kenne, obwohl ich mich immer damit auseinandergesetzt habe. Und für mich war es wichtig, dass ich die ältere Generation kennengelernt habe.“

Berufsperspektiven

Die Abkürzung ENTRIA steht für die etwas sperrige Bezeichnung: „Entsorgungsoptionen für radioaktive Reststoffe: Interdisziplinäre Analysen und Entwicklung von Bewertungsgrundlagen Problemstellung“. Fünf Jahre wurde hier, mit Fördermitteln des Forschungsministeriums in Höhe von 15 Millionen Euro interdisziplinär geforscht. Denn die Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Müll bringt nicht nur neue Auseinandersetzungen, sondern auch neue Technik, neue Behörden – und neue Jobs. Darauf wurden auch die TelnehmerInnen der Sommerakademie von mehreren Referenten hingewiesen und empfohlen den Prozess nicht nur kritisch zu begleiten, sondern auch mit zu gestalten.Besprechung im Freien bei der Sommerakademie der atomkritischen Plattform Atommüllreport.de

Finanzierung

Dies hob auch Dr. Wolfgang Irrek hervor. Der Professor für Energiesysteme und Energiewirtschaft an der Hochschule Ruhr-West informierte zudem über Kosten und Finanzierung des Rückbaus der Kraftwerke und der Lagerung. Für Stilllegung und Rückbau würden die Betreiber finanziell verantwortlich bleiben, Finanzierungssicherheit sei aber nicht gewährleistet. Die Zwischen- und Endlagerung bezeichnete Dr. Irrek als „Ablasshandel“, da der Staat gegen eine Pauschale alle Risiken übernommen habe. Es sei fraglich, ob die Interessen heutiger und zukünftiger Generationen dabei ausreichend berücksichtigt würden. Auf jeden Fall ergäbe sich daraus ein wachsender Bedarf an kritischer Kompetenz für mehrere Jahrzehnte.

Aufgrund der Kooperation mit der Hochschule Ruhr-West und Dr. Irrek, war es den Studierenden sogar möglich einen ECTS Punkts zu erwerben.

Exkursionen

Durch Exkursionen gewannen die TeilnehmerInnen praktischen Einblick in geplante und fehlgeschlagene Lagerung. Eine Gruppe besichtigte das Salzbergwerk Asse. In dem sogenannten Versuchslager wurde von 1967 bis 1978, mit teils fragwürdigen Mitteln, Atommüll verbracht. Problematisch ist, dass stetig Wasser in das Bergwerk eindringt und es Gefahr läuft „abzusaufen“. Der Streitpunkt bleibt, ob die radioaktiven Stoffe unter technischer Anstrengung und höherer Belastung der Bevölkerung herausgeholt werden können und sollen. Oder ob man das Bergwerk verfüllt und hofft, dass die abgegebene Radioaktivität gering bleibt.

Exkursion zum Schacht Konrad. Geplantes Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Müll.Die andere Gruppe besichtigte das ehemalige Erzbergwerk Schacht Konrad, das 2002 als Lager für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll genehmigt wurde. Die Einlagerung wird aktuell vorbereitet, kann aber frühestens 2022 beginnen. Geologe Jürgen Kreusch berichtete über die grundlegenden Probleme der Endlagerung. Im Fall von Schacht Konrad sei problematisch, dass es keinen belastbaren Langzeitsicherheitsnachweis nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik gäbe. Ob das Bergwerk den geologischen Anforderungen tatsächlich gerecht werde, sei daher nicht bewiesen.

Uranabbau in Tansania

Patrick Schukalla (32) ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Leibniz-Zentrum Moderner Orient in Berlin in der Forschungsgruppe Ressourcenpolitiken. Als Teilnehmer der Sommerakademie stellte er auch seine Forschung zum Uranabbau in Tansania vor und erklärte, dass nach seiner Ansicht die Kernkraft-Kette nicht erst bei der Urangewinnung beginne, sondern viel früher, bei den Erkundungen potentieller Gewinnungsgebiete. Einwohner*innen würden als Tagelöhner*innen zum Schürfen des radioaktiven Materials angeheuert, ohne Kenntnis der Gefahr. „Diese Prozesse werden auch dann wirksam, wenn die Vorhaben letztlich im kommerziellen Sinne fehlschlagen, ein Abbau also nicht (oder zumindest erstmal nicht) zustande kommt. Ich glaube, dass die Tendenz ‚Ressourcenpotentiale in der Rückhand zu behalten‘ ebenso konstitutiv für die Ungleichheiten des gegenwärtigen (historisch gewachsenen) Kapitalismus sind, wie die Strukturen ‚erfolgreicher‘ Ausbeutung.“ Ein nicht zu unterschätzender Faktor sei dabei die lähmende Warte-Starre, in die Teile der Bevölkerung durch hinausgezögerte und meist nichteingehaltene Investitionsversprechungen versetzt werden.

Tanja Küfner (19) war die jüngste Teilnehmerin der Sommerakademie. Sie ist Mathematikstudentin im 2.Semester an der Universität Würzburg und hat über einen Aushang in ihrer Uni davon erfahren. Die Themen hätte sie ansprechend gefunden: „Es ist vielseitig aufgestellt. Es geht nicht nur um eine Richtung oder Herangehensweise, sondern auch um Medizin und anderes. Das fand ich voll interessant. Und natürlich, dass wir in die Schächte konnten. Meine Erwartungen, dass es von verschiedenen Seiten angepackt wird, wurde auf jeden Fall erfüllt.“ Ihr Zugang sei Nachhaltigkeit: „Es ist wichtig, kritischen Sachverstand weiterzugeben. Man sollte nicht alles glauben, was die Atomkonzerne einem sagen. Und man muss die gesundheitlichen Risiken im Blick behalten. Bloß weil etwas unter einem Grenzwert ist, ist es deswegen nicht nicht-schädlich.“ Aktuell sei sie nicht im Anti-Atom-Bereich aktiv, würde aber schauen, was es an Optionen gäbe.

Tanja Küfner (19) und Dennis Pirdzuns (26) - Teilnehmende der Sommerakademie.

Dennis Pirdzuns (26) studiert Politikwissenschaften und Philosophie in Wuppertal. Er hat als studentische Hilfskraft des Wuppertal-Instituts von der Veranstaltung erfahren. „Atomkraftnutzung ist das erste politische Thema an das ich mich wirklich bewusst erinnern kann – vielleicht parallel zur Demokratie. Einfach durch dieses Plakat in der Schule, wo über die Folgen von Tschernobyl berichtet wurde. Auf einem Foto waren Kinderopfer abgebildet, die danach geboren wurden mit diesen furchtbaren Entstellungen. Das war ein Schock-Moment.“ Damals war Dennis Pirdzuns 15 Jahre alt, heute mit 26 engagiert er sich politisch bei den GRÜNEN und möchte nach der Sommerakademie gucken, wie er weiter an dem Thema arbeiten kann: „Ich bin ziemlich begeistert von der Veranstaltung. Die Leute kennenzulernen. Die Thematiken waren mir wichtig. Auch die profanen Sachen – Wolfenbüttel und der Tagungsort sind schön. Schacht Konrad zu sehen fand ich beeindruckend. Allein für die kleinen Momente hat es sich gelohnt, und das Gesamtpaket war einfach überzeugend.“