Atomindustrie 2017: Es geht weiter bergab

[27.11.17] Am 22. November präsentierte Mycle Schneider in den Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung Berlin den „World Nuclear Industry Status Report 2017“ (WNISR 2017). Der jährliche Bericht zur Lage der Atomindustrie in der Welt zeigt: Der Niedergang geht weiter, China baut als einziges Land noch massiv zu, aber auch dort dominieren Erneuerbare Energien. Und Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bestätigt, Atomenergie ist nicht ökonomisch und unnötig für den Klimaschutz.

Schneider ist unabhängiger Internationaler Berater für Energie- und Atompolitik, Träger des alternativen Nobelpreises 1997, sowie Hauptautor und Herausgeber des seit 2007 erscheinenden WNISR. Laut dem Report 2017, an dem sechs Co-Autoren aus sechs Ländern gearbeitet haben, bleibt die globale Atomstromproduktion 2016 weiter niedrig. Der Zuwachs um 1,4 Prozent liege einzig an dem starken Anstieg von 23 Prozent in China. Global betrachtet bleibe Atomkraft ein Auslaufmodell und stagniere trotz des chinesischen Zubaus bei 10,5 Prozent (-0,2%). „China dominiert die Zahlen eindeutig seit etwa einem Jahrzehnt“, resümierte Schneider. Von den zehn Betriebsaufnahmen 2016 seien fünf in China gewesen. 2017 habe es bislang drei gegeben, davon zwei in China und eine in Pakistan – letztere aber auch von einer chinesischen Firma.Atompolitikexperte Mycle Schneider präsentiert den „World Nuclear Industry Status Report 2017“ in der Heinrich-Böll Stiftung Berlin

Atomstrom werde in 31 Ländern produziert, so Schneider. „Die beiden größten sind Frankreich und USA, die zusammen etwa die Hälfte der weltweiten Atomenergie produzieren. China hat Russland überholt und ist inzwischen auf Platz 3. Die Top 5 sind USA, Frankreich, China, Russland und Südkorea, die in Summe etwa zwei Dritte des weltweiten Atomstroms erzeugen.“ Die aktuelle Stromproduktion bleibe erheblich unter dem Rekord von 2006. „Es gab einen Produktionsanstieg in den 80er Jahren, ein historisches Maximum 2006 und dann den Abstieg ab 2011. Trotz einem leichten Anstieg in den letzten Jahren, sind wir immer noch weit unter der Reaktorzahl von 2002 und der Kapazität von 2006.“ Und es zeige sich weiterhin eine sinkende Rolle der Atomkraft im Strom-Mix. Vor 20 Jahren seien es etwa 17,5 Prozent gewesen, 2016 noch 10,5 Prozent.

Anlagenbau: Lange Bauzeiten und alte Technologien

Ein großes Problem: „Viele Kraftwerke stammen aus einem anderen technologischen Zeitalter.“ Das Durchschnittsalter der AKWs betrage 29 Jahre, die Hälfte davon würde bereits 31 und länger laufen, manche sogar seit 41 Jahren. Hinzu kämen lange Bauzeiten: Von den aktuell etwa fünfzig im Bau befindlichen Kernkraftwerken, erklärt Schneider, seien über dreißig in Verzug. Betrachte man die Reaktoren, die in den letzten zehn Jahren in Betrieb gegangen seien, zeige sich eine Bauzeit von durchschnittlich zehn Jahren. Aber: „Es gibt eine gigantische Spanne von vier bis über vierzig Jahren Bauzeit und viele Bauruinen“, so Schneider. Letzteres meint aufgegebene Bauprojekte. Und einige offiziell im Betrieb befindliche Anlagen, stünden schon seit langem still. „Nach der Bankrotterklärung von Toshiba-Westinghouse und der technischen Pleite von AREVA, sind die westlichen Atomkraftbauer am Ende.“ 

Die Zahl neuer Bauprojekte sei in den vergangenen Jahren wieder gesunken: 2010 habe man mit dem Bau von 15 Reaktoren begonnen, davon zehn in China, 2016 drei, in diesem Jahr bislang nur einer. Schneiders Überlegung: Vielleicht zeige sich am sinkenden Baubeginn auch schon wieder das Ende des chinesischen Baubooms. Wobei es zu früh sei diese Frage zu beantworten.

Misere der Energiekonzerne

Die Energiekonzerne RWE und E.ON seien geschwächt. „Aber das ist kein Fukushima-Phänomen“, weiß Schneider: “Das hat viel früher angefangen, nämlich 2008. Und in Frankreich ist der Verlust von AREVA und EDF mit 90 Prozent noch viel dramatischer. Das war so vernichtend, dass die Regierung entschieden hat den Staatskonzern AREVA von der Börse zu nehmen.“ Und nach hohen Verlusten musste der historisch größte Atomkraftbauer, die U.S.-amerikanische  Toshiba Tochterfirma Westinghouse, bankrott erklären. Schneider schlussfolgert, die finanziellen Probleme der AKW-Betreiber hätten sich gravierend verschlechtert durch Schuldenberge, stagnierenden oder sinkenden Stromverbrauch, alternde Reaktoren und der Konkurrenz, vor allem durch die rasante Wachstumsrate Erneuerbarer Energien. 

(v.l.) GRÜNE-Europaabgeordnete Rebecca Harms, Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Atompolitikexperte Mycle Schneider bei der Präsentation des „World Nuclear Industry Status Report 2017“ in BerlinRebecca Harms, Europaabgeordnete und Atomexpertin der GRÜNEN, begleitete die Präsentation fachlich und ergänzte aus europäischer Perspektive: „In der EU haben wir sehr wenige Neubauten und die, die wir haben entwickeln sich zu ökonomische Katastrophen mit langen Bauzeiten.“

Japan: Bislang nur fünf Reaktoren am Netz

Im sechsten Jahr nach dem Fukushima Katastrophe gebe es immer noch viele ernsthafte Probleme, so der diesjährige WNISR. Die japanische Regierung habe begonnen die Evakuierungsanordnung aufzuheben um  die explodierenden Kompensationskosten zu begrenzen. Die Menge an behandeltem, aber immer noch kontaminiertem Wasser, das in Tanks gelagert werde, sei von etwa 650,000 m³ im Mai 2016, auf etwa 750,000 m³ im Mai 2017 gestiegen. Die japanische Regierung wolle es in den Ozean entlassen. Die lokalen Fischervereinigungen seien dagegen, weil sie Sorge hätten, dass es den Ruf der an der Küste Fukushima gefangenen Fische noch weiter beschädige. Ohne Einigung könne das Wasser nicht entlassen werden, wonach es aktuell nicht aussähe.

Mittlerweile habe man annähernd 16 Millionen m³ kontaminierten Boden und Müll gelagert. Würde man das auf einem Fußballfeld stapeln (100m x 70m), wäre die Müllsäule über zwei Kilometer hoch. Die offizielle Kostenschätzung belaufe sich auf 100 - 200 Milliarden US-Dollar. Eine neue unabhängige Bewertung sähe die Kosten aber bei 444 - 630 Milliarden US-Dollar. Die laufenden Ausgaben würden die ökonomische Entwicklungspolitik Japans stark behindere.

Lediglich fünf japanische Reaktoren wurden bislang wieder in Betrieb genommen. In Anbetracht der 54 Reaktoren, die vor der Reaktorkatastrophe am Netz waren, immer noch eine starke Bilanz. Die AutorInnen des Reports sehen aber die Tendenz, dass aufgrund der juristischen Entwicklungen und dem politischen Willen zur Atomkraft, bis März 2018 wieder bis zu neun Reaktoren am Netz sein könnten.

DIW-Studie: Klimaschutz braucht keine Atomkraft

Prof. Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung verwies im Rahmen der Veranstaltung auf eine neue DIW-Studie die zeige, dass Atomkraft für den Klimaschutz unnötig sei. Viele Arbeiten würden behaupten, man brauche Atomstromproduktion zum Erreichen der Klimaschutzziele, das sei falsch. Sie würden die Kosten der Atomenergie unterschätzen und die Kosten der Erneuerbaren Energien überschätzen. „Unsere Rechnungen zeigen, dass die Kosten der Atomenergie höher sind. Atomenergie ist unnötig, ineffizient und teuer. Wir können die Klimaziele von Paris auch ohne Atomenergie erreichen.“

Atomkraft sei nie ökonomisch gewesen, sondern immer abhängig von Subventionen. Mittlerweile bestimme aber die Ökonomie die Märkte und Atomenergie – wie auch Kohle – seien dort ohne Subventionen nicht wettbewerbsfähig, erklärt Kemfert: „Daher steigen die Erneuerbaren Energien immer weiter an und 100% Voll-Versorgung mit Erneuerbaren Energien ist technisch machbar, ökonomisch darstellbar und besser.“ Atomkraft sei ein Auslaufmodell, in das man keine Gelder mehr verschwenden sollte, so die Wirtschaftswissenschaftlerin.

Trotzdem kein Ende in Sicht

Auch wenn „die atomare Spezies auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten“ stehe, sei die Frage Atomkraft keineswegs gelöst, hielt Schneider abschließend fest. Denn die etwa 400 meist alternden oder überalterten Reaktoren würden unter zunehmend problematischen Umständen betrieben werden. Daher bedürfe es der erhöhten Aufmerksamkeit aller Beteiligten, allein schon, um die gegenwärtigen Sicherheitsstandards zu halten.