Atomindustrie auf dem absteigenden Ast

[Mi.03.11.16] Am Dienstag präsentierte Mycle Schneider in Berlin den „World Nuclear Industry Status Report 2016" (Bericht über den Zustand der weltweiten Atomindustrie). Etwa 70 Personen hatten sich zur Fachdiskussion „Gestresst und gespalten: Die Lage der Atomindustrie weltweit“ in der Heinrich-Böll-Stiftung eingefunden. In 30 Minuten erklärte der Atompolitikberater und Co-Autor des Berichts, dass es mit der Atomindustrie bergab gehe.

Abwärtstrend und „Ausnahmefall China“

Die Atomindustrie hätte ihren Zenit Ende der 80er Jahre gehabt und somit lange überschritten. Die Atomkatastrophe in der japanischen Stadt Fukushima hatte einen einschneidenden Effekt auf die Atomindustrie. 2015 gingen erstmals wieder signifikant viele, nämlich zehn Reaktoren, ans Netz. Acht davon in China, dem einzigen Land, das massiv zugebaut habe. Aber selbst unter Berücksichtigung des „Ausnahmefalls China“, zeige die Atomindustrie einen „global rückläufigen TreGrafik: Inbetriebnahme und Abschaltung von Atomkraftwerken 1954-2016 | Quelle: Mycle Schneider Consultingnd“. Die anderen beider 2015 in Betrieb genommenen Reaktoren wären in Südkorea und in den USA – aber an letzterem sei auch 43 Jahre gebaut worden.

Der relative Anteil der Atomkraft weltweit sei 20 Jahre lang gesunken und in den letzten vier auf einem stabilen Niveau von knapp unter 11 Prozent. Die beiden größten Produzenten USA und Frankreich, produzierten gemeinsam etwa die Hälfte des weltweiten Atomstroms. In Europa seien heute 50 Atomkraftwerke weniger online, als Ende der 80er Jahre. Einer sei in Frankreich im Bau, einer in Finnland. Auch zwei in der Slowakei - allerdings schon seit 30 Jahren. Für die europäische Trendanalyse sei irrelevant, ob diese ans Netz gingen.

Die Reaktorkatastrophe Fukushima habe sich sogar auf China ausgewirkt. Auch wenn das Land massiv baue, habe es 2011 bis 2014 keine neuen Baugenehmigungen gegeben. Erst 2015 gab es wieder Genehmigungen –gleich für sechs Reaktoren. Sie würden jetzt aber langsamer erteilt als ursprünglich geplant.

Irreführung durch Daten der Internationale Atomenergie Organisation

Das Problem bei der Frage wie viele Reaktoren in Betrieb sind: Die Daten der Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), auf die sich alle Institutionen berufen, seien irreführend. Offiziell sind demnach 446 Reaktoren in Betrieb, was aktive Stromproduktion suggeriere. Betrachtet man Japan, erzeugen die offiziell 43 Reaktoren „in operation“ aber weniger als ein Prozent Strom. Eine Kategorie müsse her, die Reaktoren beschreibe, die für einen längeren Zeitraum, beispielsweise 1,5 Jahre, nicht in Betrieb seien, aber noch nicht vom Netz genommen wurden: eine „long term outage“ Kategorie. Unter diese Kategorie fallen in Japan 36 Reaktoren. Einer davon ist seit 1995 offline, die anderen seit der Fukushima-Katastrophe. Von den mittlerweile wieder fünf Reaktoren mit Betriebserlaubnis, sind aktuell aber nur zwei online.

In Japan brennen die Lichter noch

Vor der Fukushima-Katastrophe hingen knapp 30 Prozent der Stromversorgung Japans von Atomstrom ab. Der Plan war sogar ein stetiger Ausbau bis 2050 auf 50 Prozent gewesen. Wie ist es möglich, dass das Land nicht zusammengebrochen ist?

Atomanteil an der Atomproduktion 2014-15 und historisches Maximum | Quelle: Mycle Schneider ConsultingSchneider erklärt: „Erst einmal ist drastisch Strom gespart worden direkt nach dem 11.März 2011. Aber diese Sparmaßnahmen sind nach und nach umgewandelt worden in Effizienzmaßnahmen. In den darauffolgenden Jahren wurde mehr Kohle und teilweise auch mehr Öl verbrannt. Aber das ist im Grunde wieder zurückgegangen auf das Niveau von 2010. Was mehr verbrannt wird ist nach wie vor Erdgas.“ Die entscheidende Message liege aber wo ganz anders: Der absolute Stromverbrauch sei in den letzten fünf Jahren um 12 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig habe ein bescheidener Ausbau Erneuerbarer Energien stattgefunden. Gemeinsam ersetzten Effizienz und Erneuerbare Energien 2015 etwa 56 Prozent des Atomstroms von 2010. „Als ich Mitte Juli in Japan war habe ich festgestellt, diese Zahl kennt niemand. Das heißt es herrscht überhaupt kein Bewusstsein dafür, dass bereits in fünf Jahren 56 Prozent des Atomstroms substituiert wurde. Ich halte das für ein beachtenswertes Ergebnis“, so Schneider.

Ökonomische und politische Wenden in den USA

Der Reaktor Kewaunee in den USA hat 2013 das letzte Mal Strom erzeugt. „Ein Reaktor der bis 2033 hätte laufen dürfen wurde abgeschaltet, weil er im Markt nicht mehr bestandsfähig war und mit jeder Kilowatt Stunde Verluste machte.“ Laut Schneider gäbe es einige solcher Fälle, oft trotz bereits erteilter Laufzeitverlängerung. „Die Vorstellung, dass eine Genehmigung bedeutet, dass ein Reaktor bis zum Ende der Genehmigung Strom produziert, entspricht nicht mehr der Realität.“Mycle Schneider präsentiert den World Nuclear Industry Status Report 2016 in Berlin

Gleichzeitig gibt auch politische Fälle: „Diablo Canyon in Kalifornien ist ein beispielloser Fall, wo über Verhandlungen in einer großen Koalition von Stakeholdern - von Stromgesellschaft über Umweltverbände, zu staatlichen Institutionen - ein Vertrag unterschrieben wurde für den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie von Kalifornien. Das ist ein interessanter Fall, weil die Entscheidung in einem konsensgeprägten politischen Prozess gefallen ist. Und Kalifornien ist inzwischen ja die sechstgrößte Wirtschaftsmacht, vor Frankreich.“

Auch in Schweden gäbe es ähnliche Fälle. Strompreisverfall und steigende Kosten rechtfertigten den Betrieb von Atomkraftwerken oft nicht mehr.

Frankreichs Dilemmata

Das Ausmaß ungültiger Qualitätskontrollzertifikaten in Frankreich, dem Land, das knapp die Hälfte des europäischen Atomstroms produziert, überrascht selbst Mycle Schneider, der dort seit 35 Jahren lebt. „Ich hätte, einen Skandal wie er jetzt ausgebrochen ist, zur Frage der völlig unzulässigen, teilweise gefälschten Qualitätskontrollzertifikate, nicht für möglich gehalten.“ 12 Reaktoren seien deswegen abgeschaltet worden oder die Abschaltung wurde für Inspektionen verlängert. „Im Moment sind 21 von 58 Reaktoren in Frankreich nicht in Betrieb. Das ist schon eine große Herausforderung für die Stromwirtschaft dort. Aber es ist eine neue Illustration für die Begrenzung was Aufsichtsbehörden leisten können.“

Der weltgrößte Atomstromproduzent EDF habe gleich mehrere Probleme: Stark ansteigende Produktionskosten, auch aus Gründen der Alterungserscheinungen der Kraftwerke; Ausfall wegen Qualitätskontrollzertifikatfälschungen; nachhaltiger Verfall der Aktienwerte und gigantische Schuldenlasten. Der französische Konzern AREVA sei technisch bereits bankrott und könne ohne Hilfsversprechen der Politik nicht überleben. Es werde über fünf Milliarden Euro Hilfsgelder gesprochen. „Die Verluste dieser Firma sind für meine Begriffe beispiellos. In fünf Jahren zehn Milliarden verloren, hohe Schuldenlast, Kapitalwert praktisch komplett zerstört.“

Mycle Schneider zeichnete ein für die Atomwirtschaft dramatisches Bild. Zwar sei die Atomstromproduktion 2015 um 1,3 Prozent gestiegen, ohne den drastischen Zubau in China wäre sie sogar gesunken. Und 1,3 Prozent sei ein bescheidener Wert gegenüber dem Anstieg Erneuerbarer Energien. Und man dürfe nicht vergessen, dass die Alterung der Kraftwerke natürlich auch Auswirkungen auf die Sicherheit habe.

Podiumsdiskussion

Gefolgt wurde der Bericht von einer Podiumsdiskussion an der nebst Mycle Schneider auhc teilnahmen:

  • der Europaabgeordneten Rebecca Harms, Vorsitzende der Fraktion Die Grünen/Europäische Freie Allianz
  • Prof. Dr. Claudia Kemfert, vom Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) Berlin
  • Christian Meyer zu Schwabedissen, dem ehemaligen Leiter des Berliner Büros der AREVA GmbH in Deutschland

Podiumsdiskussion „Gestresst und gespalten: Die Lage der Atomindustrie weltweit“ in der Heinrich-Böll-Stiftung BerlinProf. Dr. Kemfert erklärte auf die Frage, ob Deutschland mit seinem Atomausstieg allein stehe: „Wir sind nicht isoliert in Europa. Aber es gibt durchaus Länder die einzelne Kraftwerke planen.“ Dennoch: „Die Atomenergie ist nicht wettbewerbsfähig und wird es in der Zukunft auch nicht sein. Die Erneuerbaren Energien werden immer wettbewerbsfähiger weil die Kosten immer weiter sinken.“ In Zukunft bräuchte man Speicherung und Erhöhung der Versorgungssicherheit der Erneuerbaren Energien. Das DIW hatte dazu einen Bericht „Atomkraft ist nicht wettbewerbsfähig“ vorgelegt.

Die Grünen-Europaabgeordnete Harms kritisierte den Europäischen Atomvertrag (EURATOM), den sie auch als mögliche Rechtfertigung sähe, den Bau zweier zusätzlicher Reaktoren am Atomkraftwerk Hinkley Point C zu subventionieren. Außerdem sähe sie in der EU die Haltung, dass es ohne Atomstrom keine Versorgungssicherheit und keinen erfolgreichen Klimaschutz gäbe.

Für Kontroverse sorgte hingegen Zu Schwabedissen, der betonte nicht für AREVA zu sprechen. Die Darstellung, die Mycle Schneider gebe entspreche im Prinzip dem, was jeder nachschauen könne. Dass die IAEA nicht auf den „japanischen Fehltritt“, die „long term outage“ eingehe liege daran, dass sie es juristisch nicht könne. „Damals, als die IAEA die Datenbank eingeführt hat, konnte keiner ahnen, dass ein Land auf einen Schlag knapp 50 Kernkraftwerke stilllegt, nur weil irgendwo eine Pfütze drüber gelaufen ist – harmlos gesagt. Schlichtweg eine Katastrophe eingetreten ist.“ Das sei eine fehlerhafte Marketingaktion der IAEA. Insgesamt gehe es in dem Report um eine Bewertung einer Situation. „Bei den Ausarbeitung die er hier gezeigt hat, die in der Sache alle richtig sind, fehlt natürlich der Maßstab in welcher Relation das zu was steht.“ Die Frage sei „wozu“ man „wie viel“ Strom brauche und „wie viel“ es kosten dürfe. Und bei der Frage wie man den Strom produziere spielten Kernkraftwerke in einer anderen Liga als andere Kraftwerke. „Sonne, Mond und Sterne“ seien schön, aber nicht immer da. Daher sollte man bei dem Report auch eine Prognose anfügen wie es aussehe, wenn keine Kernkraftwerke genutzt würden.

Bemerkungen, die viele atomkraftkritische Zuschauer mit empörten Zwischenrufen quittierten.

Eine aufschlussreiche Präsentation und aufgrund der Anwesenheit Herrn Zu Schwabedissen auch eine teilweise kontroverse Podiumsdiskussion. Ökonomische und politische Entscheidungen beschränken die Atomindustrie. Auch wenn mit keinem signifikanten Anstieg mehr zu rechnen ist, bleibt natürlich ein großer Bestand an Atomkraftwerken, der Atommüll, sowie marode Reaktoren in der Nachbarschaft. Ein positiver Ausblick – aber kein Ende in Sicht.

 

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